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S-Bahnparabel

naDine Raffler

Ich sitze
In der S-Bahn und
Bilde einen Eckpunkt
Der Ebene des Jetzt’.
Die anderen
Eckpunkte der Ebene
Sind entweder unendlich
Weit entfernt oder unendlich
Nah. Jedenfalls ist mir nur ein Punkt
Dieser Ebene bekannt:
Ich.

Mein Auge
Blickt aus dem
Fenster,
Die andere Seite der Bahn
Ist mir unbekannt, existiert
Sie überhaupt noch?
Ich vergesse sie.
Meine Zeit grenzt
Sie aus, ich bin das Ende.
Und der Anfang zugleich.

Mein Auge
Beobachtet die
Vorbeiziehenden Dörfer.
Ich sitze
Entgegen der Fahrtrichtung und
Erblicke das Vergangene.

Dorf um
Dorf,
Hügel um
Hügel,
Wie schnell
Sie doch fort sind.

Kurz
Ist ihr Weg
Durch die Ebene,
Deren anfänglichen und
Beendenden Eckpunkt
Ich
Bilde.
Lang
Ist der Raum
Dahinter.
Immer weiter erkunden sie
Diesen Raum.
Weg.
Immer weiter.
Fort
Für immer.

Im Blick
Habe ich die
Anzeigentafel
der Bahn.
Nächster Halt:
Mammendorf.

Wie gut,
Bald wieder zu
Hause zu sein.

Wie schön,
Die Zukunft
Vorhergesagt zu
Bekommen.

Wie unglaublich,
Doch wahr,
Jedes mal aufs Neue zu
Erkennen, dass die
Vorhersage stimmt.

Allmächtig ist sie.
Und allgegenwärtig.
Die Zukunft ist
Überall,
Sogar im Blickfeld
Meines Auges,
Das die
Vergangenheit fokussiert.

Das Jetzt
Steigt aus,
Schreitet fort
In Richtung
Zukunft.
Doch wird es sie nie
Erreichen. ‹

In die Geister der Zeit

Cornelius Oette

An der Zeit -
eine kleine Grammatik

Alles hat seine Zeit
Alles hat seinen Raum
alles hat seinen Zeit-Raum

Können wir ohne Veränderung überhaupt Zeit wahrnehmen?
Liegt die Zeit nicht in der Tätigkeit, im Verb?
Oder zwischen den Verben?

Die Zeit
ist
die Begeisterung
des Objekts zum Subjekt
im Verb
ersteht
die Zeit
als
tätiger Geist

Es ruht
es wächst
sie fühlt
er spricht
ich denke

Es überwindet der denkende Geist im Denken die Zeit
indem er sie zu sich selbst führt.

›››››››

Kann etwas nicht an der Zeit sein?
Unzeit-ig
ist ewig oder vorher oder nachher.

So wie die Pflanze tut was sie ist
wachsend als Blatt im Grün
und blühend im Bunt

So will ich schauen
des Menschen Bild
ruhend und schaffend
in der Zeiten Geistesherrn
sich in immer neuen Räumen offenbarend

So will ich mich entfalten
in die Geister der Zeit.

Das Spielbrett

Ruth Veron

Es ist nicht an der Zeit,
sich Zeit zu nehmen für Dinge
die man tun möchte
oder muss,
es ist an der Zeit,
zu tun,
wonach das Leben ruft und
die Zeit aus dem Spiel zu lassen,
denn die Zeit ist das Brett
auf dem man spielt.

in 10 years we’ll still be on time...

Katharina Ludwig

Witten, 25. Juli 2007
Lieber Philipp,
Vor ein paar Tagen begann diese Frage: „Was ist an der Zeit?“ sich in meinem Kopf zu wiederholen. Ich hatte mich schon entschieden, dass ich nichts schreiben würde, denn sie schien zu groß, aber sie wollte nicht loslassen.
Was ist an der Zeit?
Diese Frage erwartet mich also, als ich aus Afrika zurückkomme.
Meine erste Reaktion: Die Frage lässt sich nicht beantworten.
Denke mal, wenn wir etwas fixieren, was uns hier, in unserem Leben, an der Zeit vorkommt, dann ist das in anderen Erdenteilen, wo Menschen mit ganz anderem Bewusstsein leben, schon wieder alles Quatsch. Oder habe ich einfach noch kein Vertrauen in das, was die Frage wirklich fragt?
Ich sage zum Beispiel, es ist an der Zeit, Verantwortung zu genießen.
Es ist an der Zeit, sich nicht für das, was andere getan haben, schuldig zu fühlen, jedoch aber das, was man selber macht, genau zu überprüfen, kurz: Bewusstsein!
Erzähle jedoch mal jemandem, der für seinen Lebensunterhalt stielt, dass es an der Zeit ist, Verantwortung für unsere Welt zu übernehmen.
Er wird Dir einen Vogel zeigen, und evtl. gleichzeitig Dein Handy klauen.
Was an der Zeit ist, kann ich das nicht nur für mich selbst sagen, für meine Welt? Leben andere Menschen nicht mit ganz anderen Dingen, die sie ihre Welt nennen? Sind dann nicht ganz andere Dinge für sie an der Zeit?
Ich komm nicht weiter.
Deine Katha

Basel, 27. Juli 2007
Lieber Philipp
Noch ein Versuch.
Wie also herausfinden, was an der Zeit ist?
Ich befinde mich in einem Wirrwarr von leeren Begriffen, zum Beispiel: „Begegnung“
Begegnung ist an der Zeit. Oder Beziehung? Ein schwacher Versuch... Begegnen sich Menschen nicht auch, wenn sie miteinander streiten? Gewalt ist auch eine Sichtbarmachung der Beziehung zwischen zwei Menschen. Oder sollte man es hier anti-Beziehung nennen?

Das, was lebt, wenn sich Menschen wirklich für einander interessieren, kann das die Antwort auf diese verflixte Frage sein? Aber was ist das? Wo Interesse besteht, kann viel passieren. Aber was passiert da? Wieder das Wort Begegnung! Was macht hier den Unterschied, zur Gewaltbegegnung? Interesse bringt eine Begegnung mit mehr Wahrnehmung mit sich. Wahrnehmung. Hier ist gemeint, den Menschen so zu erleben und akzeptieren, wie er ist, ihn also wahr zu nehmen (das gleiche Wortstück ist auch in der Wahrheit), und ihn nicht ändern zu wollen. Akzeptanz. Wenn ich so weiter mache komme ich bald bei der alles umfassenden Liebe an. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis Gott. Alles innere Werte. Geisteswerte. Kann das die Antwort sein? Eine der Antworten?
Ich weiß nicht,
vielleicht bald mehr...
Deine Katha

Wieder Witten, 28. Juli 2007
Lieber Philipp.
Mehr Gedanken, aber irgendwie gehen sie im Kreis.
Ist es an der Zeit, dass die Elite dieser Welt, der wir beide angehören, also diejenigen, die Zeit haben, sich Gedanken zu machen, was denn an der Zeit sei, endlich beginnt, für die, die keine Zeit dafür haben, weil sie täglich erneut bei Null anfangen, zu arbeiten? Innerlich? Äußerlich?
Meint: während ich hier sitze und dies schreibe sterben ein paar Kinder, der Rest hungert weiter, und ich frage mich, was ist an der Zeit? Brot für die Welt? Habitat for Humanity? Hört sich so an, als hätten wir nichts Besseres zu bieten.
Was ist also wirklich dran?
Deine Katha

Zwischen Soest und Dortmund, 29. Juli 2007
Lieber Philipp,
Was ist an der Zeit?
Ich hab keine Ahnung, und grade spielt irgendein Lied im Radio, „in 10 years we’ll still be on time...“ Da haben wir es auf Englisch, an der Zeit, on time!!
Liebe Grüße,
Deine Katha

Wieder in Basel, 31. Juli 2007
Lieber Philipp,
tagelang mit der Frage in mir, was ist an der Zeit?
Aus dem Wirrwarr der letzten paar Tage form sich ein ruhigeres Bild.
Ich bin nun seit einer Woche aus Südafrika zurück, dort habe ich mich weiterentwickelt im ständigen aufeinanderprallen von verschiedenen Kulturen, verschiedenen Verständnissen, Verschiedenheiten.
Was hat das mit mir gemacht? Mich gestärkt in dem, was ich glaube zu sein. Jung und voller Wille, jung und voller Kraft, jung, und voller Fehler, jung und trotzdem voller Verantwortungsbewusstsein.
Ich bin jung.
Was mache ich daraus? Alles, was geht. Suche den Weg, der sich richtig anfühlt (als junger Mensch ist es mir ja erlaubt, rein aus dem Fühlen zu handeln), gehe den Weg, der sich richtig anfühlt, und finde immer wieder Spiegelungen meiner Selbst, die mich meiner Selbst etwas mehr bewusst machen. Ich muss ja nicht perfekt sein. Wenn ich etwas vermassele heißt es, sie tut ja, was sie kann, sie ist ja noch jung ... und ein Auge wird zugedrückt.
Immer wieder strebe ich nach dem Festen, nach dem Ernsten, nach dem Effizienten, um aus dieser Haltung der Nachsicht meinen jungen Fehlern gegenüber zu flüchten. Mein Jungsein will alt werden, will fest werden. Jedoch ist es viel wertvoller, das Jungsein zu erhalten, aus ihm heraus zu sein, wie ich sein will, wie die Welt mich braucht, wie ich am besten bin. Denn Anpassung an das Alte wird der Welt nicht helfen! Passen die beiden überhaupt zusammen, jung sein und alt? Ist nicht das Ernste, das Erfahrene, das Verantwortungsvolle etwas, was das Alter sich zu schreibt, was aber nicht ihm allein gehört?

Täglich die Frage, was schreibe ich Philipp, was an der Zeit ist?
Hier ist was...
Es ist an der Zeit, das Jungsein ernst zu nehmen.
Da, wo mein Jungsein mir Fehler einräumt, weil ich ja noch jung bin, da werde ich den jungen Menschen reduziert. Plötzlich werde ich nicht als ganzer Mensch wahrgenommen. (Alten Menschen machen auch Fehler!)
Es ist an der Zeit, die Qualität des Soseins junger Menschen für voll zu nehmen. Ihre Impulse, ihre Geschenke an die Welt zu schätzen, wenn sie denn voller Wille und Kraft dargeboten werden!!
Junge Menschen, das bedeutet nicht nur vom Alter her jung. Manche Menschen sind schon alt aber noch jung. Alle die sind jung, die beweglich sind, die die Welt aus den Fugen heben wollen, sich ihr nicht kraftlos unterwerfen. Das Jung sein, dass ich meine, ist voller Wollen!! Dieses Wollen muss ernst genommen werden, sonst fehlt der Welt Entscheidendes.
Was mir an diesem Gedanken am besten gefällt ist, dass er sowohl hier, in Mitteleuropa, als auch in Afrika, in den Amerikas, in China und Ungarn gelten kann! Es ist nicht nur mein Gedanke, es ist ein Gedanke, der irgendwie universal wahr scheint. Weiß auch nicht, wo ich den gefunden habe, oder er mich.
Liebe Grüße
Deine Katha ‹

An der Zeit zu reisen

Lena Sutor-Wernich

"The meaning of becoming yourself is to be able to give meaning to yourself." (Orland Bishop)
Es ist an der Zeit zu reisen.
Neue Wege und Orte warten auf mich, Begegnungen stehen an, Überraschendes, Furchterregendes, Herausforderndes, Ermutigendes wird mir widerfahren. Die Reise verläuft in der Form einer Lemniskate, und diese Formgebung zu durchschauen, kann Kraft geben, die Reise zu unternehmen, bewusst zu unternehmen.
Eine Reise beginnt mit einem Ruf. Etwas ruft mich. Eine Frage weist mich auf diesen Ruf hin, eine Frage wie vielleicht diejenige: Was ist an der Zeit? Wo empfinde ich den größten Schmerz, wo die größte Freude? Eine Frage bringt mich in Konflikt mit dem Gewordenen. Dem Gewordenen in mir und in der Welt - wenn das überhaupt zu trennen ist. Schatten begegnen mir, Hindernisse, Zweifel. Prüfungen weisen mir den Weg zur Wende, zeigen mir in scharfer, unerbittlicher Weise, wer ich bin und wozu ich fähig bin – wenn ich darauf vertraue, meinen Sinn zu wenden.
Der Wendepunkt, der Nullpunkt von der Krise zur Idee will durchschritten werden. Tue ich dies bewusst – und auf diese bewusste Erfahrung und Übung kommt es an – „findet der Weltprozess eine Idee in mir“, durchschaue ich die Beziehungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mache das Gewordene zum Werdenden, fasse die Zukunft, bevor sie auftaucht. Dies in einer Vereinigung von Herz und Kopf, die an der Zeit ist, ersehnt - doch was heißt diese Einheit? Seinem Herz zu folgen, heißt nicht automatisch, seinen Gefühlen zu folgen. Was ist dieses Herz, diese „Kultur des Herzens“, dieses „Herzdenken"? Vielleicht ist auch diese Frage der Beginn einer Reise, auf der ich dem immer näher komme, was in diesen Wörtern lebt, es erübe, es zulasse, es erfahre.
Eine Idee wird aus dem Nullpunkt geboren, und wieder ist Vertrauen gefragt, um mit ihr meine Reise fortzusetzen. Vertrauen und ein realistischer Optimismus, der mich in meinen Taten stärkt. Ein dreifacher Optimismus: Optimismus geistiger Art – ich kenne den inneren Ort, aus dem ich handle, ich bin in Kontakt mit meinem Wesen. Optimismus seelischer Art – Ich weiß um meine anhaltende Kraft, Schmerz und Schatten in etwas Positives zu transformieren und ich sehe die Schönheit mitten auch in der Hässlichkeit. Optimismus körperlicher Art – ich spüre, dass meine innere Gewissheit bis ins Körperliche hinein gegründet ist.
Und ich handle aus meiner Einsicht, handle sofort, lasse die imperfekte Perfektion zu, damit sich Idee und Realität vermählen können und nicht verkümmern, jede im eigenen Reich. Aus dieser Vermählung empfange ich Zielkraft, höre einen neuen Ruf. Ich schaue zurück und vorwärts auf meine Lemniskaten-Reise. Mein Schwung trifft sich mit dem anderer Reisender. Wir sind an der Zeit. ‹

zeit.wahr.nehmen

Adrian Wagner

Die Frage was an der Zeit ist, ist immer auch eine Frage nach der Zeit. Sie ist schwer zu fassen, Oft rinnt uns die Zeit aus den Fingern obwohl es noch so viel zu besprechen gebe oder sie vergeht lähmend, Tröpfchenweise in der lang-weiligen Unterrichtsstunde. Durch Zeit kann ich Richtung wahrnehmen, Rhythmen sind wiederkehrende Zeitabstände. Am Anfang wurde die Zeit an der Sonne gemäßen. Zeit ermöglicht es mir in die Vergangenheit zu blicken und in die Zukunft zu planen. Ich werde mir selbst bewusst, kann reflektiert handeln und voraus-schauend planen. Rhythmen bestimmen nach wie vor auch heute unsere Zeit, die mechanische Uhr jedoch ermöglicht es uns aus diesen auszubrechen. Durch die exakte Uhrzeit kann ich mit jemand anderem einen Zeitpunkt ausmachen, Rhythmen eigenständig gestalten, oder auch nicht. So besteht immer die Gefahr mich in eine Knechtschaft mit der Zeit zu begeben, mich gedanklich an Vergangenem festhalten oder mich ständig nach neuem zu sehnen. Lediglich der Moment ist zeitlich nicht festzuhalten. Den Moment in seiner Einzigartigkeit, kann ich weder gedanklich noch zeitlich fassen. „Jetzt“ ist eine andere Zeit als „Jetzt“. Zeit bedeutet ent-wicklung ohne Zeit könnte Entwicklung niemals begriffen, definiert werden. In diesem Sinne bedeutet, was ist an der Zeit, die Frage: Was möchte entstehen? Zwei Dinge sind damit verbunden: Bewusstsein und Engagement. Mein bewusstes Sein nimmt wahr was an der Zeit ist. Wie bewusst schreite ich durch den Alltag? Bin ich gefangen in dem inneren Monolog meiner Gedanken die Mal in die Vergangenheit gerichtet, mal in die Zukunft blicken? Mein Engagement, ermöglicht es mir in einem bestimmten Zeitraum etwas zu unternehmen, Initiative zu ergreifen, Zeiträume zu gestalten. Doch wie oft setzte ich mich durch zeitliche Vorgaben unter Druck, baue mir Grenzen an denen ich Gefahr laufe zu zerbrechen? Wie schaffe ich es nun Bewusst-Sein und Engagement in der Welt, in Einklang zu bringen, mit dem was an der Zeit ist? Eine persönliche Erfahrung entstand bei einem Training mit Nicanor Perlas nach einer World Cafe Einheit, als gemeinsam Fragen und Anregungen ausgetauscht wurden. Die vorherige Bearbeitung der Fragen an Tischen mit immer wieder wechselnder Besetzung schuf eine besondere Intensität. Aus dieser entstand eine andere Zeitwahrnehmung und ein ungewöhnlicher Bewusstseinszustand. So fühlte ich mich eng verbunden mit dem Raum, den Menschen und den Fragen und dennoch mehr bei mir Selbst. Das eigenartige daran, meine Identität, was ich bin woher ich komme, was ich werden will rückte für einen Moment in den Hintergrund und schuf Raum. Ich war weder verloren in den Innereien meines Bewusstseins noch im äußerlichen Tun meines Engagements gefangen. Weder die Unmotiviertheit zu handeln, noch der überstürzte Aktivismus blockierten oder trieben mich an. In einem Moment der Wahrnehmung wurde ich mir meinem Selbst bewusst. Einem Selbst das beobachtet wie auch gestaltet. War dieser Freiheitsimpuls, lediglich ein Funke im Dunklen? Vermutlich schon, deshalb ein Training, ein Übungsweg um letztendlich selbst-bewußt der Welt Raum zu geben, damit durch mich hindurch das entstehen kann was sich im werden befindet, was an der Zeit ist.

Conditions of labour

Tobias Ossmark

The so called Was-ist-an-der-Zeit?-phone needs some handeling. Among all voices we might connect ourselves with, there is one, which, I believe, it is worthy listening to. It belongs to the almost forgotten english 19th century writer John Ruskin. In 1849, being 30 years old, he published his "Seven Lamps of Architecture". Though this is an literary masterpiece, it is also an overwhelming speech, which touches the breast of the present reader. One can, really, not overestimate the importance of such genuin individual texts. They reach far beyond all the widespread Schulwissen of our present age. In fact, what interests me is that Ruskins writes about architecture although he rather, indeed, delivers a subtle social theory or practical philosophy. Maybe his analysis of "labour" is the very central notion of all this. Quote:

”…it is one of the appointed conditions of labour of men that, in proportion of the time between the seed-sowing and the harvest, is the fulness of the fruit; and that, generally, therefore, the farther off we place our aim and the less we disire to be ourselves the witnesses of what we have laboured for, the more wide and rich will be the measure of our success.”

The analysis of labour might be considered as the capital theme of the 19th century, and it returns of course in Rudolf Steiner by multiple ways. As background-theme deserves also the slave-alike labour of early industrialization. The quote above is certainly somewhat platonic coloured. Nevertheless, there is something about it: the labour for others means simultaneously being congruent with a long span, a timespan. The sustainability of labour has no quantitative criterias, it rather is beeing carried by the durable perception, knowledge and self-possession of this potential span. And when science, understood as such labour, indeed, stretches itself to the elementary experienced timehorizons, it may also become the foundation of a shining, empirical and intersubjective edifice (= the dream of natural sciences). The very art of Ruskins writings belongs, in my view, to this science mostly yet undone.

Lob der Unpuenktlichkeit

Philip Kovce

Auf der Suche nach einer Ur-Zeit.
Jeder kennt das folgende Szenario: Die Vereinbahrung mit den Freunden zum kommenden Theaterabend ist perfekt, alles ist besprochen, scheinbar scheint alles abgestimmt. Und dennoch verpasst man sich oder die Vorstellung und das, obwohl jeder einen vielfachen Zugriff auf die Uhrzeit in der Tasche oder am Handgelenk hatte. Die Aktenlage ist hier eindeutig: Unpuenktlichkeit. Hier war jemand nicht an der Zeit, oder?
Doch lassen wir uns nach der - vielleicht - zu schnellen Verurteilung zumindest auf die Revision ein. Dann laesst sich offen fragen: Was hat An-der-Zeit-Sein mit Puenktlichkeit zu tun? Oder: Ist Puenktlichkeit, und somit auch Unpuenktlichkeit, ueberhaupt eine Frage der Zeit?
Das Wort scheint uns etwas anderes Nahe zu legen. Jemand war unpuenktlich, hat also den richtigen Zeitpunkt verfehlt. Er war nicht auf den Punkt genau. Wir sprechen offensichtlich von einem raeumlichen Bild und zugleich, nicht minder offensichtlich, von unserer gelaeufigen Zeitvorstellung. Unsere Zeitvorstellung bediehnt sich des Raumes, Zeit als Bewegung im Raum ist der physikkonforme Zeitbegriff. Die Gegenwart erscheint dabei als unendlich kleines Etwas, theoretisch beinahe unexistent und bedrohlich eingeklemmt zwischen einem drueckenden Vergangenheitsblock und einem determinierten Zukunftskoloss.
Puenktlichkeit hat also etwas mit Uhrzeit zu tun. Diese Uhrzeit meint eine tickende Chronos-Zeit im Raum, in einem materialisierten “Welt-Raum”, der von sich selbst kein Bewusstsein hat. Um an der Zeit zu sein, um gegenwaertig zu sein, brauche ich jedoch mehr als unbewusste Puenktlichkeit. Ja, ich brauche gerade bewusste Unpuenktlickeit. Um an der Zeit sein zu koennen brauche ich keinen Zeitpunkt, sondern einen Zeitraum (keine Raumzeit!), der mich bestimmte Zeitqualitaeten erleben und beschreiben laesst. Ich brauche einen Raum, in dem ich Zeit rein und unmittelbar erfahre, sozusagen als Ur-Zeit.
Das Bewusstsein ist, wenn es ist, stets gegenwartig und vergegenwaertigt im Denken Vergangenheit und Zukunft. Bewusste Unpuenktlichkeit (damit meine ich Unraeumlichkeit) hat etwas mit Ur-Zeit zu tun. Der Ort, an dem ich diese Ur-Zeit erfahren kann, ist ein innerer, ein geistiger. Ein “Menschen-Raum”, den mein Bewusstsein erfuellt und in dem ich einem Gegenueber in der Zeit begegnen kann.
Doch lassen wir uns nicht beirren: Auch die Chronos-Uhrzeit hat ihre volle Berechtigung, sie macht es moeglich, dass wir uns vom 3.-7. Oktober in Dornach zu den Akademietagen verabreden. Ihr Spektrum ist aber begrenzt. Ob wir uns dort als Menschen wirklich begegnen koennen und wollen, laesst sich nicht mit der Uhr abstimmen, vielleicht aber in der Ur-Zeit. Ob es geliengt, ein wirkliches Gespraech zu beginnen, liegt an uns. Wir sind es, die diese Ur-Zeit gestalten.
“Was” ist an der Zeit oder Was ist “an der Zeit”? Zwei Fragen verbergen sich hinter dieser einen Fragestellung. Die erste fragt nach Moeglichkeiten einer inhaltlichen Gestaltung, die zweite selbstkritisch nach der Zeit ueberhaupt. Beide Fragen koennen sich zu zwei praktischen Gestaltungsaufgaben verwandeln: Was gestalten wir in der Zeit und wie gestalten wir die Zeit? Lassen wir uns gemeinsam nach individuellen und innovativen Wegen suchen. Ich stelle mir nach diesem skizzenhaften Versuch nur die Frage: Kann, was ich gerade schreibe, ueberhaupt an der Zeit sein, wenn ein anderer es liest? Vielleicht, aber nur, wenn er und ich unpuenktlich sind. Also, schaut bitte nicht auf die Uhr.

Die Sünde ist durch das Gesetz gekommen

Gottfried Stockmar

Jeder Mensch weiß was an der Zeit ist; was für ihn an der Zeit ist.
Es kann lange dauern, bis man in seiner Zeit ist.
Es folgen einige Aussagen, durch die ich mich meiner Zeit zu nähern versuche.

›Und Raskolnikov könnte hinzufügen: ›Es gibt nichts Teuflischeres als die unbedingte Freiheit. Wer sie nicht hat, dem erscheint sie als das Höchste, weil sie ein Höchstmaß an Ungebundenheit und Unabhängigkeit des Willens bedeutet. Erfährt sie dann jemand, so wie ich, so merkt er schnell, dass sie das genaue Gegenteil von Freiheit darstellt, nämlich vollkommene Ohnmacht einem unberechenbaren Willen gegenüber. Doch das glauben die anderen einem nicht, und wenn man es ihnen erklärt hat, vergessen sie es bald wieder und erliegen von neuem dem Zauber, der im Gedanken der vollkommenen Ungebundenheit liegt. Und so muss der unbedingt Freie einen Alptraum vollkommener Ohnmacht durchleben und wird von den anderen auch noch beneidet und, wenn ihm ein verbotener Wille zustößt, bestraft.‹
Peter Bieri. Das Handwerk der Freiheit. Hanser 2001 Kapitel 7 ›Unbedingte Freiheit: eine Fata Morgana.‹ Der losgelöste Wille: ein Alptraum

›Solche Gemüter können den Zustand der Bestimmungslosigkeit nicht lang ertragen und dringen ungeduldig auf ein Resultat, welches sie in dem Zustand ästhetischer Unbegrenztheit nicht finden.‹
Friedrich Schiller. Fußnote zum Brief 21 ›Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen.

›Für das Römertum war das, was unsere Zeit noch anbetet als den Geist der Gesetze, recht. … Räuberbanden wurden zusammengeholt, um an ihnen die schlimmsten tierisch-menschlichen Instinkte zu bekämpfen. Dazu war das römische Gesetz da, um wilde Tiere zu bekämpfen. ….Wir aber sollten uns darauf besinnen, dass wir Menschen geworden sind, und das wir nicht anbeten sollten jenen Geist der Gesetze, welcher da war aus den berechtigten Trieben des Römertums heraus, wilde tierisch-menschliche Leidenschaften zu bezähmen….
Dabei vergessen die Menschen immer wieder und wieder ein richtiges christliches Wort, das paulinische Wort: Die Sünde ist durch das Gesetz gekommen, nicht das Gesetz durch die Sünde.‹
Rudolf Steiner

›Was also bedeutet Freiheit für den heutigen Menschen? Er hat sich von äußeren Fesseln befreit, die ihn daran hindern könnten, das zu tun und zu denken, was er für richtig hält. Er möchte die Freiheit haben, nach seinem eigenen Willen zu handeln, wenn er nur wüsste, was er will, denkt und fühlt. Aber eben das weiß er nicht. Er richtet sich dabei nach anonymen Autoritäten und nimmt ein Selbst an, das nicht das seine ist. Je mehr er das tut, umso ohnmächtiger fühlt er sich, umso mehr sieht er sich gezwungen, sich anzupassen. Trotz allem dick aufgetragenen Optimismus und trotz aller äußerlichen Initiative ist der Mensch vom Gefühl einer tiefen Ohnmacht erfüllt, so dass er wie gelähmt herannahenden Katastrophen entgegenstarrt.‹
Erich Fromm. ›Die Furcht vor der Freiheit‹. Dtv 1990.S.185

›Hier aber ist es, wo Naturwissenschaft für ihre Anschauungen theoretisch eigentlich das Gegenteil von dem herausbekommt, was sie in der Praxis ausbildet.‹
›Das heißt: Wenn Naturwissenschaft auch noch so sehr – man möchte sagen, sogar mit einem gewissen Rechte – aus ihren Untergründen heraus die Freiheit leugnen muss, so erzieht sie, indem sie zu dem Bilddenken erzieht, den Menschen unserer Kulturwelt zur Freiheit.‹
Rudolf Steiner. 1.6.1922

›So hängt gerade das Freiheitserlebnis zusammen mit dem, was herausführt aus den instinktiven Mächten, die früher sozial gestaltend waren.
Damit aber ist man, wenn man nun im vollen Ernste an das Freiheitsproblem herandringt, für eine Weile wie in eine Art Leere geworfen, die man empfindet, wenn man eben damit ernst macht – mit allen Schauern , die das Leere, ich möchte sagen, das Nichts überhaupt nur dem Menschen einflößen kann.‹
Rudolf Steiner Wien 7.6.1922

›Jede nach irgendwelchen Prinzipien in ihrem Wesen vorherbestimmte Organisation muß notwendig die volle freie Entwicklung des Individuums unterdrücken, um sich als Gesamtorganismus durchzusetzen.‹ …›Ich möchte dem entgegnen: von einem ›Übermaß‹ des Individualismus kann nicht gesprochen werden, denn niemand kann wissen, was von einer Individualität verlorengeht, wenn man sie in ihrer freien Entfaltung beschränkt.‹
Rudolf Steiner: ›Freiheit und Gesellschaft‹ GA 31. 1898


›Man musste gewissermaßen dasjenige, was man in der Naturwissenschaft sich erringt durch ein die Naturerscheinung zusammenfassendes und durchhellendes Denken, in das freie menschliche Erleben selber heraufheben.
… Was der Mensch in seinem Innersten erlebt, was er erlebt in Bezug auf sein Verhältnis zur Welt, das erfordert, das er sich verständigt mit sich selbst über das in der Welt und in seinem Wesen, woraus der Impuls der Freiheit quillt. Wenn sich der Mensch über dieses nicht mit sich selbst verständigen kann, dann treten für ihn die Folgen im unmittelbaren Leben auf. Dann treten diese so auf, dass er sich selber ein unverständliches, ein für seine eigene Erkenntnis und dadurch auch für sein Leben nicht durchsichtiges Wesen ist. Er fühlt sich dann in der Welt so, als ob er nicht auf einem richtigen Boden mit seiner Erkenntnis stünde. Er sieht gewissermaßen in sich hinein, und da, wo er sein eigenes Wesen glänzen und leuchten sehen wollte, da sieht er eine Art Aushöhlung. ….mit dieser Aushöhlung lässt sich aber nicht leben. …. Will man den Menschen in seinem Verhältnisse zur Tat begreifen, dann braucht man eine Freiheitsphilosophie. Dann braucht man aber auch, zunächst wenigstens für das Problem der Freiheit, eine übersinnliche Forschung.‹
Rudolf Steiner. GA 78 TB S. 49-53

›Wer einfach aus einer gewissen Konsequenzsucht heraus eine formale einheitliche Welterklärung sucht, der wird, indem er sich zu entscheiden hat zwischen der Annahme einer Freiheit, die eigentlich empirisch im unmittelbar menschlichen Erleben gegeben ist, und zwischen der allwaltenden Naturnotwendigkeit, der wird sich aus dem, was der Menschheit an Denk- und Erkenntnisgewohnheiten in den letzten Jahrhunderten anerzogen worden ist, für die Naturnotwendigkeit entscheiden. Er wird trotz des Erlebens der Freiheit diese für eine Illusion erklären und den Bereich absoluter Notwendigkeit bis in die intimsten Intimitäten des menschlichen Wesens herein fortsetzen, so dass damit der Mensch völlig in den Kreis naturwissenschaftlicher Notwendigkeit eingesponnen ist.‹
Rudolf Steiner. GA 78 TB S 133

Wissenschaftsbegriff um den Menschen erweitern

Uwe Werner

These:
Das in der Welt Wirkende ist geistigen Ursprungs. Geistiges ist immer konkret. Am unmittelbarsten tritt Geist im Menschen als geistig-seelische Dimension auf. Dort ist er erfahrbar, sowohl für den einzelnen Menschen an/in sich selbst, wie auch am Anderen.
Der Wissenschaftsbegriff, der die Trennung vom beobachtenden Subjekt und beobachteten Objekt fordert, schliesst methodisch die Möglichkeit aus, dass das beobachtende Subjekt sich selbst zum beobachteten Objekt macht.

Die Aufhebung des Gegensatzes von Subjekt und Objekt in diesem Sinne ist aber Voraussetzung für die Beobachtung eines geistig Wirklichen, zunächst am Menschen selbst. Wenn dies auch von Steiner inauguriert worden ist, entscheidend ist, was heute methodisch-gegenwärtig „nachgewiesen“ werden kann. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als um die Herausforderung, den Wissenschaftsbegriff um die methodische Erfassung des geistig Wirklichen und Wirkenden zu erweitern.

So fruchtbar der bisherige Wissenschaftsbegriff war, so furchtbar hat er schon und wird er weiter wüten. Schon deshalb kommt dieser Begriff an seine Grenzen, weil er den Menschen selbst auf ein die Sinneswelt wahrnehmendes Subjekt beschränkt, also seine geistig-seelische Dimension nur als reflektiv, nicht als originär schöpferisch anerkennt. Das ist die Konsequenz der Forderung nach Wertfreiheit, denn die geistig-seelische Dimension ist die urteilende, die ethisch-ästhetische Dimension.

Wenn diese aber methodisch ausgeschlossen wird, so heisst das nicht, dass da nicht Geist wirke. Die Frage ist aber, welcher konkrete Geist dann wirkt, wenn kein Bewusstsein von ihm vorhanden ist. Anders: wer den Geist negiert wird potenziell Instrument der Geister der Negation.

Vielleicht – so könnte man meinen – bieten die Stimme des Gewissens oder überkommene Moralvorstellungen noch einen Schutz. Doch ist der Ausschluss des Subjekts durch den konsequent angewendeten traditionellen Wissenschaftsbegriff das beste Mittel, Bedenken, die aus diesem Bereich kommen, zu verdrängen, denn er enthebt den Forschenden der Verantwortung gegenüber dem Gegenstand seiner Forschung.

Das gilt auch für die zukünftige Naturwissenschaft, aber flagrant für die universitären Geisteswissenschaften, vor allem für die Geschichtswissenschaft. Da diese das Verstehen geistiger Vorgänge ausschliesst, wirkt sich ihr Dogma besonders dann katastrophal aus, wenn es um geschichtliche Vorgänge innerhalb der Esoterikbewegungen geht. Es kommt dann zu einer zwar faktenreichen, aber doch nur vergleichenden Analyse.

So stellt sich z. B. die Arbeit Helmut Zanders dar (Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, 1884 Seiten). Die Konsequenz der Negation des Geistigen ist hier, dass Steiner letztlich ein Schwindler gewesen wäre, da es ja keinen erkenntnismässigen Zugang zu einer geistigen Wirklichkeit gäbe. Sein enormes Wissen hätte ihm dann auch nur zur Erringung einer Machtposition innerhalb der Theosophischen Gesellschaft verholfen. Schliesslich wird Steiner zu einer historisch noch interessanten Persönlichkeit, aber eben nur historisch.

Dieses Denken ist Denken, das sich selbst verweigert zu denken.
Wir stehen also an der von Steiner vorgezeichneten Schwelle, unsere eigene ethisch-ästhetische Dimension in ein Verhältnis zum konkret geistig Wirkenden zu bringen. Und dem zur allgemeinen Anerkennung zu verhelfen. Das meine ich mit: den herrschenden Wissenschaftsbegriff in diesem Sinne um den Menschen zu erweitern.

Anfang August 2007

endlich

Urs Dietler

es ist an der Zeit
es ist an der Zeit, sich zu erinnern.
es ist an der Zeit, Sisyphos zu umarmen im Moment der Umkehr.
es ist an der Zeit, in Worten zu sprechen, unmittelbar (Papier zu Bäumen, Freunde!).
es ist an der Zeit, jene zu hören, die es nie gesagt haben.
es ist an der Zeit, die Meta-Ebene zu verlassen.
es ist an der Zeit, Wasser mit Händen weiter zu reichen.
es ist an der Zeit, das Rot zu verstehen – endlich.

Das Nichts aushalten

Claudius Klein

Ich muß gestehen, daß ich die Frage eigentlich nicht mag. Wird sie in Arbeitskreisen, Seminaren oder ähnlichen Zusammenhängen gestellt, dann kann man Gift darauf nehmen, daß die Gesprächsteilnehmer schließlich darauf kommen, es sei eben das an der Zeit, was sie ohnehin tun. Der Versuch, diese Frage zu beantworten, kann aber auch dazu führen, daß man zum Trendsurfer wird, der hinter jeder Schaumkrone die Welle der Zukunft vermutet. In beiden Fällen liegt die Vorstellung zugrunde, daß die Zeit eine Art Waschmaschinenprogramm sei, bei dem die Menschheit ausnahmslos gespült und dann geschleudert wird, und wer dann noch beim Einweichen ist, hat den Anschluß verloren.

Natürlich gibt es einen Zeitgeist, aber mit dem verhält es sich, wie mit der Individualität: wer individuell sein will, reproduziert meistens nur ein Klischee, das des Künstlers zum Beispiel. Ebenso sind gerade die stets auf dem neuesten Stand befindlichen Zeitgenossen – nun, vielleicht nicht unbedingt von gestern, aber zumindest von vorhin und nicht von jetzt. Denn damit der neueste Stand ein Stand ist, muß das Neuste erst festgestellt werden, und dann ist es schon nicht mehr ganz neu.

Was an der Zeit ist, das ist eben noch nicht da, nicht in der Zeit, im Strom des Werdens und Vergehens, sondern es steht an der Schwelle, und einer muß es hereinholen. Jeder kann jederzeit zu einem Durchgang werden, durch den Zukunft zur Gegenwart wird. Doch das setzt eine offene Tür voraus und die Fähigkeit, es zu erkennen, wenn etwas herein will. Wenn ich zu sehr damit beschäftigt bin, irgendwelche Pläne umzusetzen, dann geht das nicht. Dann sehe ich die Zukunft als Entwurf vor mir, als Projektion aus der Vergangenheit. Nur die Bereitschaft, nicht weiter zu wissen, das Nichts auszuhalten, bis daraus ein Etwas wird, läßt das, was an der Zeit ist, auch an uns herankommen.

Heutzutage, wo Lebensentwürfe zunehmend zum Scheitern verurteilt sind, ist diese Haltung wirklich an der Zeit.

Lange Weile

Riccardo Muto

Es ist an der Zeit ... Langeweile zu haben, weil es eine lange Weile braucht, bis ich das Wahre wahrnehmen kann. Das Wahre hat wahrscheinlich eine viel längere Weile als intellektuell bedacht wird.

Zweisichtigkeit

Burghard Schildt

Die Frage ist so formuliert, dass jeweilige Leser, in Anbetracht des gegenwärtigen Zeitgeschehens, sich unmittelbar als Mitträger so einer Frage empfinden können.

Dieses Empfinden kann dazu anregen, die Frage aufzuwerfen, woraus es herrührt, durch welches persönliche Tun man, so wie im Besonderen, sich auch im Allgemeinen als so Jemanden erlebt, der die Frage ›Was ist an der Zeit?‹ in sich trägt.

So Jemand kann dann gewahren, dass die Frage sich bildet in der denkenden Anschauung zweier anderer Fragen, die etwa so lauten ›Gewahrt mein Denken und Handeln das Zeitgeschehen?‹ – ›Ist mein Denken und Handeln im Einklang mit dem Zeitgeschehen?‹

Man sieht, beiden Fragen gemeinsam ist, dass Jede zweisichtig gebildet wurde. In dem man sie so formuliert, anerkennt man ein Zeitgeschehen an sich und ein Selbst ohne Zeitgeschehen. Das diese Fragen den Fragenden zum Wesen der Frage ›Was ist an der Zeit?‹ führen, dafür bedarf es derjenigen Frage, die entspringt, indem denkendes Anschauen diese Zweisichtigkeit einsieht.

Das Streben der Einsicht ist die Steigerung beider Fragen zu der anderen Frage ›Wie erscheint Denken und Handeln als Zeitgeschehen?‹ Die Handlung des Mittragens der Frage ›Was ist an der Zeit?‹ wird so erlebt als Zeitgeschehen für den anderen Menschen.

Für die Frage, ›Was ist an der Zeit?‹ lebt jeweils als Zeitgeschehen der andere Mensch die Antwort. Es ist an der Zeit, das diese Frage auftaucht. Das Miteinander dem Zeitgeschehen gegenüber stehen wird so ein füreinander Zeitgeschehen sein. Es lebt sich zunächst dar, indem man damit anfängt, die Antwort auf die Frage ›Was ist an der Zeit?‹ als das in sich Tragen des anderen Menschen zu erleben.

Wahrheit kraft eigener Selbstbestimmung

Lutz Liesegang

Sollte man sich nicht auch fragen, wie spät es ist?

Denn noch ist es nicht zu spät,
› Versäumtes einzusehen,
› Missglücktes einzugestehen,
› Mangelhaftem sich gegenüberzustellen.

Und im eigenen Innern empfinden, was mir, was der heutigen Zivilisation fehlt.

Auch scheint es nicht zu spät,
› das bisher Versäumte doch noch anzustreben,
› die missglückte Lösung einer hohen Aufgabe doch noch zu versuchen,
› die Ausfüllung des Mangels an innerer Substanz, die wir alle ersehnen, doch noch in Angriff zu nehmen.

Und sich darauf einstellen, dass dies alles allerdings in anderer Art als bisher erfolgen müsste, also mit innerer Wandlung verbunden wäre.

Denn die Möglichkeit ist heute eröffnet,
› die Wahrheit kraft eigener Selbstbestimmung zu berühren,
zurücklassend Sympathie und Antipathie, Glaube und Verzweiflung,
› das Einzelbewusstsein so zu entwickeln, dass zugleich ein gemeinsames Bewusstsein mitgestaltet wird,
indem man sich wissenschaftlich forschend den allgemeinen Gesetzen zuwendet, die das Menschsein und Menschwerden also Jeden betreffen
› hierfür diejenigen Studienhilfen anzunehmen,
die bereitstehen und geeignet sind, die Selbst› und Gemeinschaftskultur, die Individual› und Sozialästhetik zu befördern.

Und es ist möglich, die Hinweise zu einer Bewusstseinsschulung nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch noch reflexiv anzuwenden.

Deshalb Schluss damit,
› das Missglückte als Gelungenes sich und anderen ideologisch unterzujubeln,
› zu versuchen, Sympathiekräfte durch moralisch›religiösen Druck bei sich und anderen hervorzupressen,
› zu glauben, dass die durch das Wahrnehmen des Anderen entstehende Antipathie einfach zu unterdrücken oder zu überspielen sei!

Und Schluss mit der Ignorierung des Niveaus, auf welches die Menschheitskultur und das Wissen vom Menschen durch große Geister gehoben wurden!

Start mit Arbeitsgruppen,
› die diesen Namen verdienen, weil in ihnen hochschulmäßig so studiert wird, dass erwartet werden kann, dass der Stand der Menschenwissenschaft erreicht wird,
› die sich ein eigenes Statut geben, das sich bewusst im Einklang mit den höchsten Ansprüchen an eine Sozialgestalt weiß und trotzdem Ausdruck eines aktuell bestehenden Gruppenbewusstseins hinsichtlich eines realisierbaren methodischen Vorgehens ist,
› in denen die Mitglieder durch Erstreben und Erüben von wissenschaftlichen Tugenden wie Evidenz und Experiment die Tür zur Wirklichkeit aufstoßen und die objektive Wahrheit persönlich berühren wollen!

Es ist an der Zeit, sich Zeit zu geben für die gemeinsame menschen› und geisteswissenschaftliche Meditation,
› die furchtlos sich bemüht, das Unterzeitliche und das Überzeitliche, zwischen denen der Mensch lebt, unverfälscht zu erreichen, und durch ihre Vereinigung Zeit zu gewinnen,
› die redlich sich bemüht, Sinnenschein und ideellen Schein zu akzeptieren, zu rezipieren und so ineinander zu arbeiten, dass man Erkenntnis der wahren Wirklichkeit erlangt.

Es ist an der Zeit, dass Kraft auf Kraft trifft und Einer dem Anderen zutraut,
› er könne methodisch sauber, gemäß der Kriterien der Wahrheit und Wirklichkeit, vorangehen
› er könne nüchtern seine eigenen Einsichten darlegen und er könne alles ihm gegenüber Dargestellte experimentell überprüfen,
› er könne auf diesem Umweg über die persönliche Einsicht in die objektive Wahrheit Momente wirklicher Vereinigung von Menschen mitgestalten, in denen die Freiheit der eigenen Individualität und zugleich das Wesen der freien Gruppenindividualität erlebbar wird.

Es ist an der Zeit, dass diejenigen sich suchen und finden, die in der Wüste Oasen begründen, mitgestalten und vernetzen können, weil in ihnen das Wasser des lebendigen, des geistigen Menschentums sprudelt.

Es ist höchste Zeit für das, was an der Zeit ist.



Berlin, 13. August 2007 Lutz Liesegang
Vorstudium-berlin|at|gmx.net

Es ist an der Zeit

Glänzend steht nun die Brücke, der mächtige Schatten erinnert
Nur an die Zeit noch, es ruht ewig der Tempel nun hier,
Götzen von Stein und Metall mit furchtbaren Zeichen der Willkür
Sind gestürzt und wir sehn dort nur ein liebendes Paar —
An der Umarmung erkennt ein jeder die alten Dynasten,
Kennt den Steuermann, kennt wieder die glückliche Zeit.

NOVALIS (eingereicht von Sascha Scholz)

Individualisierung statt Standardisierung

Hans-Ulrich Ender

Die Standardisierung des Bildungswesens ist eine Falle.
Sie entsteht aus Machtkalkül und wird vertreten und verteidigt aus Angst.
Angst vor der konkreten, sofort fühlbaren Gefahr, die entsteht, wenn du deinen eigenen Weg gehst.
Alle ihre gepriesenen Vorteile entspringen aus Denkfehlern und Fühlensfehlern:
› Chancengleichheit
› Vergleichbarkeit von Abschlüssen, um Beweglichkeit möglich zu machen
› Schutz gegen Willkür von Personen und Einrichtungen

In ihrer Realisierung zeigt sich ihre Wirklichkeit:
› die Klassengesellschaft wird renoviert (durch Dominanz von privatwirtschaftlich gesteuerten Ideologieen)
› die originellen Profile von Bildungseinrichtungen werden geschliffen (die Innenstädte der Welt sind kaum noch zu unterscheiden, bald auch Mac Donald in allen Köpfen ?)
› die Willkür kommt durch die Hintertür herein. Jedes objektivierte Instrument wird ja doch von subjektiven Menschen gehandhabt.

Die Wirklichkeit der Standardisierung ist ein Abdrängen des Individuums aus
seinem Gestaltungsraum, aus seiner Verantwortung, aus seinem Feuer.
Wer traut dem System mehr als dem individuellen Menschen?
Verfolgt man den öffentlichen Diskurs über dieses Thema, fällt auf, mit welcher Vorsicht
die wenigen Kritiker sich zu Wort melden und mit welchem aggressiven Potential
die Befürworter ihre Position durchsetzen. (Sprachfeststellungstest bei Vierjährigen, Kindergarten›reform‹, Früheinschulung, Vereinheitlichung der Schulabschlüsse, B&M.Studiengänge usw. Ein genereller Versuch der Übernahme; nicht zu vergessen die Standardisierung im Gesundheitswesen, Sozialwesen, Kommunen ...
Eine standardisierte Gesellschaft ist wehrlos gegen jede Ideologie!
Ich sage, hier liegt der Versuch vor, eine Zombiekultur zu installieren.

Was steht an ?
› Mutig das Wort erheben !
› Bildung von Gestaltungsräumen, die die freie Individualität realisieren.
› Gestaltung statt Ideenbildung.
› Darüber reden-- rausschmeissen! Kunst-- reinbringen !
› Also konkret: Ich gehe los.

› Noch konkreter: Kontakt -
Hans-Ulrich Ender | tel. 0049/2302/81488
e.Post: hansulrich.ender|at|googlemail.com

selbst gestalten

Paul Werthmann

Die heutige Zeit bietet dem Menschen grosse Möglichkeiten sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, selbst zu gestalten - und dass auf manchen Gebieten, die er zuvor nie als gestaltbar erkennen konnte. Dass der eigene Körper sich nach der eigenen Aktivität gestaltet ist
jedem body builder längst klar und jeder Spitzensportler weiss sich zu trainieren um genaustens abgestimmte Leistungen zu erbringen. Während manche Hirnforscher noch darüber sprechen, dass die Gedankenaktivität ein Ergebnis der Hirnströme sind, erkennt man andernorts, wie durch gezielte Gedankentätigkeit das Gehirn gestaltet werden kann und Krankheiten wie Epilepsie gemindert werden können.

Mächtige Strömung

Johannes Engesser

Es ist an der Zeit, gute Kräfte zu einer mächtigen Strömung zu vereinen!

Menschheit konkret

Dennis Fischer

Was ist an der Zeit.

Ein allg. was ist an der zeit fasst die Essenz, dessen was an der zeit ist.
Frage ich mich persönlich was an der Zeit ist, so frage ich nach meinen Ideen. Doch sehe ich diese nur in bezug auf mich als Handelnder. D.h. die Essenz dessen, zur Existenz zu bringen.
Zwei Grundverschiedene und doch nicht trennbar Dinge. Was Not tut, Notwendig ist, was wir heute eigentlich alle bräuchten ist keine Abstraktion, die im Raume steht und nicht zur Existenz kommen kann. Das kann jeder Idealist.
Wir alle wollen mit irgendwem abrechnen und auch nur wenn es die Gedanken des anderen sind, die uns nicht passen, uns nicht passt, was der andere macht. Denn wir persönlich wissen, was an der Zeit ist, wie man es eigentlich tun sollte. Dabei begeben wir uns auf den Boden der Abstraktion, der es uns ermöglicht für alle zu sprechen. Mit alle meine ich solche Sätze wie, „Man müsste...“
Also geredet wird viel und nun zu meiner Existenz.
Ich sage es ist schon alles gesagt.
Ein an der Zeit entwickelt sich nur noch durch konkrete Tätigkeit in der Zeit. Doch wie bringe ich mich in die Zeit. Ich erlebe mich mich in der Zeit, wenn ich meiner gegenwärtig bin, d.H. ich gehe in Deckungsgleichheit mit mir (Identität); mein Tun entspringt mir, meinen Ideen.
Doch woher Ideen bekommen und vor allem welche Ideen taugen um ein An der Zeit
in Existenz zu bringen?
Will sich eine Essenz zur Existenz bringen, so kann sie es nur durch mich, doch mein Handlungsmotiv braucht seinen Ursprung dort, wo Essenz entsteht und dies tut sie nicht im ProfanPersönlichsten. Meine Angelegenheit muss ein Stück Menschenangelegenheit werden, damit ich aus der Menschheit schöpfen kann und durch meine Handlungen Menschheit fließt.
Da wo Essenz ist, ist auch Menscheit und diese ist Gross, desshalb wird abstrahiert, um Menscheit darin passend zu machen.
Brauchen wir jetzt alle die gleiche Essenz und machen wir dann das Gleiche bzw. gibt es nicht so viele Essenzen wie es Menschen gibt die nach ihr suchen?
Ein an der Zeit wird durch die konkrete Individualität in die Zeit gebracht und dies geschieht eben ganz individuell.
Weis ich, was an der zeit ist, komme ich zur Frage wie ich mich in die Zeit bringe. Ich verorte mich in der Zeit durch das Tragen der an der Zeit Abstraktion in meine konkrete Gegenwart.
Ich mache meinen Ideengehalt existent indem ich ihm gemäß handle. Wenn dieser Ideengehalt nicht ein Stück an der Zeit bzw. aus der Zeit geschöpft ist, so komme ich nicht weiter.
Was habe ich nun aber mit den anderen zu tun, wenn ich mich nur lediglich um mich und meins kümmere ?
Jeder der an und in seiner Zeit ist, ist mir verwandt. Denn ich bin es ja auch in und an meiner Zeit.
Somit wird der Gedanke Menschheit in sich wieder Konkret, denn diese wird nur durch sich selbst verwirklicht. Im Konkreten: Im, am und in den Menschen die an ihr arbeiten.

Wissenschaft in der Du-Perspektive

Wer ist an der Zeit?
Wissenschaft in der Du-Perspektive
von Robin Schmidt, August 2007

1. „Was ist an der Zeit?“ - Ich will zuerst zurück fragen: Wer fragt da und sucht eine Antwort? Philipp und Johannes? Oder haben sie die Frage bei Goethes Märchen abgeschrieben, das über 200 Jahre alt ist, und dort eine Aussage ist, nämlich vielsagend „Es ist an der Zeit!“? Oder stellen die beiden die Frage an die zukünftigen Teilnehmer der Tagung, die sie gar nicht kennen, und wissen selbst auch gar keine Antwort? Oder liegt die Frage in der Luft, und die beiden sind die Vermittler, die die Frage zu Gehör bringen, sie – wie sie sagen – „präsentieren“? Worin könnte dann aber eine Antwort bestehen? Einen Hinweis geben sie noch, indem sie nicht schreiben „Vier Tage Vorträge“, sondern „Vier Tage Gespräch“. Gespräch setzt voraus, dass da jemand ist, mit dem ich ins Gespräch komme, setzt die Anwesenheit eines „Du“ voraus. Wenn also Gespräch Kommunikation unter Anwesenden ist, und durch Gespräch die Antwort auf die Frage entstehen soll, dann kann ich voraussetzen, dass sich die Frage auch wirklich an jemanden richtet. Im Grenzfall – wie augenblicklich, vor der Tagung – kann ich das selbst sein, der mit sich selbst im Dialog ist. Andererseits handelt aber auch das Gesprochene, die kommenden Antworten, von einem Anderen, für das das Gespräch die Möglichkeit ist, über sich Auskunft zu geben. Kann ich auch das als ein „Du“ betrachten, das Antwort-Fähig ist? Wie aber erhalte ich eine solche Auskunft über ein Anderes, das mir ganz unbekannt ist? Oder einfacher gefragt: Wie beantwortet sich eigentlich eine Frage?
2. Antworten sind jedenfalls keine Sachen. Man kann sie nicht anfassen oder riechen. Sie treten nicht als Gegenstände, sondern in Form von Begriffen auf. Und Begriffe erscheinen im Denken, sofern ich denke. Begriffe enthalten das allgemeine Gesetz eines Dinges oder Vorgangs, der verständlich macht, wie oder was das Befragte ist. Das Allgemeine steht im Gegensatz zu seiner wahrnehmlichen Erscheinung, die das Individuell-Konkrete zeigt. Das Allgemeine ergänzt die Erscheinung aber auch, denn der Begriff enthält die Gesetzmässigkeit für das Ding, die überzeitlich und überörtlich ist. Die Voraussetzung der Erscheinung eines solchen Überzeitlichen und Überörtlichen ist das Denken. Wer denkt? Ich denke. Ich bringe das Denken hervor, erzeuge seine Existenz, denn es geschieht nicht, wenn ich es nicht will. Ich erzeuge das Denken, ich schaffe es und erlebe mich im Denken als selbsttätig. Diese Eigentätigkeit bringt nicht nur den Begriff zur Erscheinung, sondern führt auch – wenn ich auf die Tätigkeit des Denkens blicke – zu einer neuen Erfahrung meiner Selbst: denn ich erfahre mich durch das Denken als Ich, als selbstbewusst Tätiges, als Erzeuger von Existenz. Und dadurch – mich selbst denkend hervorbringend – als Schöpfer meiner eigenen Existenz. Im Denken des Ich ist Hervorbringen und Erkennen ein und dasselbe: denkend schaffe ich mich und mich erschaffend erkenne ich mich als selbstschöpferisches Wesen, unabhängig vom Raum und über aller Zeit. Ich bin im Denken die reine Erkenntnis, das Selbstschöpferische, das ewige Licht.
3. Da ich voraussetzen wollte, dass hier alles dialogisch vorgeht, will ich das so eben Gesagte ebenso hinterfragen und nicht als Aussage an sich nehmen, sondern als Aussage eines Sprechenden. Entsprechend frage ich an den letzten Abschnitt zurück: „Wer spricht hier?“ und „Was spricht er über die Welt und sich?“. Ich wiederhole einfach das, was eben gesagt wurde als Aussage einer sprechenden Person über die Welt oder über sich: „Ich erzeuge das Denken“, „Ich erfahre mich durch das Denken als Ich, als selbstbewusst Tätiges, als Erzeuger von Existenz“, „Ich bin die reine Erkenntnis, das Selbstschöpferische, das ewige Licht“. – Wer mag das von sich behaupten? Wer spricht hier? Ein „Ich“ jedenfalls, das vom Denken sagt, dass es dieses hervorbringt. Das sagt, dass es durch das Denken Selbstbewusstsein erzeugt, dass seine Existenz, sein Sein nicht aus etwas anderem empfängt, also nicht Geschöpf ist, sondern selbsttätig Schaffend, mithin göttlicher Natur ist. Denn es sind die Götter oder Engel, von denen die Tradition sagt, dass sie, im Gegensatz zu Mensch und Natur, nicht Geschöpf, sondern Schöpfer sind. Und welcher Engel gab, laut Tradition, dem Menschen Erkenntnis, eigenes Denken, Subjektivität? Sein Name ist Luzifer. Von ihm sagt die Tradition, dass er böse sei, weil er dem Menschen die Selbstheit gab, die Ur-Sünde. Ich sage dagegen, Luzifer ist nicht böse, weil er dem Menschen die Selbstheit gab, sondern, weil er sich verhüllt, wenn er selbst spricht. Wie verhüllt sich Luzifer, wenn er spricht? In dem er sich nicht als Gesprächspartner vorstellt, sondern einfach losredet: „Ich erzeuge das Denken“, „Ich bin die reine Erkenntnis“ und so weiter, aber: mich zu dem Glauben verführt, ich wäre selbst der Sprecher. Der Sprecher lebt im Glauben, er wäre es selbst, der der Ursprung des Denkens wäre, dessen Ich das ewige Licht darstelle. Dabei hört er im Denken in sich ein Wesen sprechen, das „Ich“ sagt und sich mit bestimmten Eigenschaften aussagt.
4. Das mythische Bild Luzifers ist die Schlange, die z. B. im Mythos des Sündenfalls dem Menschen Erkenntnisfähigkeit und Selbstverantwortlichkeit gibt, aber zugleich bedingt, dass der Mensch das Paradies verliert, seine naturgegebene Einheit mit Gott und Natur. In Goethes „Märchen von der grünen Schlage und der schönen Lilie“ treffen wir die Schlange wieder als Brücke über den Strom, der das Reich des Jünglings von dem Reich der schönen Lilie trennt. Das Märchen nimmt seinen Beginn damit, dass die Schlange das Gold der beiden Irrlichter verschlingt (die Rudolf Steiner in seinem ersten Mysteriendrama, das aus seiner Beschäftigung mit dem Märchen hervorging, als die beiden Wissenschaftler Capesius und Strader auftreten lässt). Dadurch erhält die Schlange die Kraft, ihre Umgebung durch einen sanften Lichtschein zu beleuchten. Das erlaubt ihr auch, den Innenraum des Tempels nicht nur tastend, sondern sehend zu betreten. Hier wird das erste Tempel-Gespräch hörbar. Der goldene König spricht: „Wo kommst Du her? Aus den Klüften, versetzte die Schlange, in denen das Gold wohnt. Was ist herrlicher als Gold? fragte der König. Das Licht, antwortete die Schlage. Was ist erquicklicher als Licht? fragte jener. Das Gespräch, antwortete diese.“ Es folgt ein Gespräch zwischen dem alten Mann mit der Lampe, der inzwischen auch in den Tempel gekommen ist und dem König; dann ein weiteres Gespräch über drei Geheimnisse, die der alte Mann kennt, von denen das er als Wichtigstes nennt: das offenbare. Dieses offenbare Geheimnis will der Alte eröffnen, sobald er auch das vierte Geheimnis weiss. Die Schlange kennt es und verrät es dem Alten, ohne dass es der Leser erfährt. Dann ertönen zum ersten Mal die Worte: „Es ist an der Zeit“. Diese Worte werden dreimal während des Märchens gesprochen. Systematisch könnte man festhalten: die Worte erklingen zum ersten Mal, nach folgenden Schritten: Das Gold der Irrlichter wird von der Schlange aufgenommen, dann in eigenes Licht verwandelt, das den Tempelraum erleuchten kann und schliesslich das Geschehen in Gespräch umwandelt. Den Tempelraum verstehe ich als das Denken, das nicht mehr nur Eigendenken ist, sondern zum Ort umgebildet ist, in dem „Es“ denkt und spricht. Was aber ist „Es“? Oder besser: „Wer“ ist „Es“? Oben habe ich drei Erscheinungsweisen von „Es“ im Denken geschildert (in Absatz 2): Zuerst das „Es“ in der Form allgemeiner Begriffe, die erscheinen, wenn ich denke. Die Begriffe enthalten das Gesetz für die Gegenstände, sie sind über der Zeit und über dem Raum und sind allgemein. Dann: das „Es“ als „Ich“: „Ich denke“, ich bin es selbst, der das Denken hervorbringt und im Denken meiner selbst bewusst werde. Und schliesslich: Das „Es“ als ein anderes Wesen, das im Denken auftritt und mit der Stimme des „Ich“ spricht.
5. Damit ist für mich der erste Schritt anthroposophischer Forschungs-Methodik gekennzeichnet. Er setzt bei der Aufnahme des Goldes der Irrlichter, der Wissenschaftler an und wandelt dieses in eigenes Licht um, durch das die Welt beleuchtet wird. Der erste Schritt läge so in der eigenen Aufnahme und Verinnerlichung, in der Individualisierung von Wissenschaft: die Aussagen sind selbstgetragen und selbstverantwortet. Die Autorität ist nicht mehr „die Wissenschaft“ oder der Wissenschaftler per Amt, sondern ich selbst bürge für mein Gesprochenes oder Erkanntes. Das ist eine Vorbedingung für den nächsten Schritt, das Gespräch: Denn nur wenn die Aussagen selbstgetragen sind, ist Dialog möglich und auch sinnvoll. Denn sonst könnte man sich ebensogut Bücher anderer vorlesen oder zitieren. Das setzt aber wiederum voraus, dass ich den Hochmut, der in der Selbstermächtigung des Wissens liegt, genannt Luzifer, kenne und auch nicht zur Geltung kommen lassen kann: dass ich hören kann, was der andere mit der Stimme des Ich sagt. Das wieder setzt Demut voraus, die darin liegt, mich vom anderen auch belehren zu lassen. Aber die Schwierigkeit dieser Belehrung besteht darin, dass sie nicht nur ein etwas anderer Wissensinhalt ist, sondern eine Korrektur meines eigenen Wesens bedeutet. Denn ich verbürge ja das zu korrigierende Wissen mit meinem eigenen Wesen. Ich muss sozusagen bereit sein, mich durch den Anderen im Wesen verändern zu lassen, sonst kann ich ihn nicht hören. – Diese Erkenntnismethode braucht nicht nur für Gesprächsbeiträge von Menschen zu gelten, sondern kann auch auf Anderes erweitert werden: Z. B. die Gegenstände der Wissenschaften. Etwa die Zahlen in der Mathematik oder die Begriffe in der Philosophie. Oder eine Pflanze, ein Tier in der Biologie. Oder die Frage: „Was ist an der Zeit?“ Sie selbst können als Wesen angesehen werden, die im Gespräch ihren Gesprächs-Beitrag, ihre Selbst-Offenbarung durch den Menschen geben können. Der Ort an dem sich Wesen offenbaren können, die nicht selbst Menschen sind, sondern denen der Mensch im Denken Stimme und Gehör verleiht, und durch die er sich verändern lässt, nennt die Tradition: Tempel. Es ist der Ort, an dem Geist gegenwärtig sein kann.
6. Wer aber bin „ich“ dann noch, wenn ich der Ort bin, an dem das Andere spricht, und ich durch es verändert werde? Im Märchen lernen wir bald nach der ersten Tempelszene den unglücklichen Jüngling kennen. Er hat durch den Blick der Lilie sein Reich verloren. Krone, Zepter, Schwert und sein Königreich sind ihm genommen. Er trauert um dessen Verlust und er kennt keine Zukunft. Im Blick der Lilie ist die Existenz des Jünglings wertlos, sinnlos, leer geworden. Es ist der Blick auf die eigene Person, aus der Perspektive des Lichtes, des Ich, das sich im Denken erlebt hat. Im Blick auf mich aus der Perspektive der Lilie erscheine ich mir als wertloses Nichts, trauernd über meine Trennung von der Welt. Zugleich wird sichtbar, wie hässlich und ekelhaft mein Eigenwesen ist, wenn ich nicht durch die Selbstblendung des eigenen Hochmutes getäuscht bin. Das einzige Glück das dem Jüngling jetzt noch vorstellbar ist, ist die vollständige Vereinigung mit der Lilie, die ihm aber mit der Berührung zugleich den Tod bringen wird. So geht er zur Lilie und wirft sich ihr in die Arme, den eigenen Tod besiegelnd. Zuvor aber hier zum zweiten Mal das Wort: „Es ist an der Zeit.“
7. Wenn ich einen anderen Menschen anblicke, kann ich meine Aufmerksamkeit darauf lenken, wie er „objektiv“ ist. Dann sehe ich leicht das Hässliche, das Negative, das Unvollkommene. Nimm eine beliebige negative Eigenschaft und bestimme das Wesen eines Mitmenschen als in dieser Eigenschaft liegend. In dieser Handlung würde bemerkbar, dass die scheinbar objektive Wahrheit über den anderen in Wirklichkeit nicht nur ein Abbild einer Wirklichkeit ist. Sondern die Handlung, selbst wenn es richtig wäre, was ich über den anderen denke, würde auch seine Zukunft prägen. Was ein Anderer werden kann, hängt auch davon ab, wie andere auf ihn blicke. So wird sichtbar, dass jeder Blick, jeder Gedanke über andere auch auf die Zukunft des anderen wirkt. Das gilt nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst: Wie etwa im vorigen Abschnitt der trauernde Jüngling, der durch den Anblick der Lilie seine eigene Unvollkommenheit vollständig erblickte. Im Denken erfasse ich also nicht nur, was jetzt „objektiv“ da ist, was geworden ist, sondern gestalte an dem mit, was einmal sein wird. Das ist immer der Fall, auch wenn ich meine, nur „die Wirklichkeit“ „abzubilden“. Ich kann also mit dem Denken sehen, was noch gar nicht da ist, sagen, was sein soll und wirke dadurch an der Zukunft des Anderen. Indem das Denken das durchschauen lernt, befreit es sich von dieser Macht des Faktischen. Der Mächtige in der Macht des Faktischen wird in der Anthroposophie „Ahriman“ genannt. Er wirkt so, dass er das Erscheinende als „Sache“ als „Ding“ erscheinen lässt und die Wahrheiten, als „Fakten“, die „objektiv“ so sind. Aber in diesem Blicken liegt eine sich verbergende Kraft, die auch die Zukunft des Angeblickten auf diese Vergangenheit festlegt. In dieser unbemerkten Eigenschaft Zukunft zu schaffen, in dem „nur“ das Faktische festgestellt wird, liegt das Böse Ahrimans. Seine Offenlegung bedarf nicht Demut, wie diejenige Luzifers, sondern Mut. Mut, die Fakten durch Setzungen zu durchbrechen, Mut, die Herrschaft über die Wirklichkeit nicht der Vergangenheit zu überlassen, etwa indem ich das Andere als ein „Du“ ansehe.
8. Hier tritt eine andere Schwierigkeit auf: Wonach soll ich mich denn im Blicken ausrichten? Ich komme in die Verlegenheit, selbst offenlegen zu müssen, was in der Zukunft sein soll. Was ist denn das Kriterium meiner Herrschaft? Die Wahrheit? Schönheit? Güte? Oder, in der Bezeichnung des Märchens, die drei Könige Weisheit, Schein und Gewalt? Was soll denn in Zukunft sein? Oder Besser: Wer soll in Zukunft sein? Goethes Antwort erfahren wir am Ende des Märchens. Die Schlage ist bereit, sich zu opfern. Zuerst legt sie einen Kreis um den Jüngling und verhindert so seinen endgültigen Tod, sie überbrückt die Zeit, bis der Jüngling im Tempel wieder erweckt werden kann. Sie selbst zerfällt dann zu Edelsteinen, die zu einer neuen, mächtigen und öffentlichen Brücke über den Strom werden. Der Jüngling erhält im Tempel – wo zuvor zum dritten Mal die Worte „Es ist an der Zeit“ erklingen – von den drei Königen Krone, Zepter und Schwert verliehen. So erweckt, kann er sich mit der Lilie vereinigen und mit ihr zusammen herrschen. Es herrscht also nicht mehr ein Einzelner, sondern eine Beziehung. Dann spricht der Jüngling: „Herrlich und sicher ist das Reich unserer Väter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch früher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe.“ Der alte Mann mit der Lampe erwidert: „Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.“ Goethes Antwort ist also ganz einfach. Er sagt nicht, was herrschen soll, sondern dass Liebe sein soll und „bildet“ das Andere dadurch. Andere können andere Ideale setzen, ich kann mich für die Liebe entscheiden. Vielleicht treffe ich andere, die das auch Wollen. Die Entscheidung beginnt schon im Blicken auf den anderen Menschen, auf die Objekte meiner Interessen oder meiner Wissenschaft. Ihnen eigene Existenz, eigene Würde verleihend frage ich nicht „Was ist es?“, Eigenschaften und Sach-Auskünfte provozierend, sondern ich frage – eine Antwort abwartend: „Wer bist Du?“
9. Ich kann – muss aber nicht – mich dafür entscheiden, die Antwort von dem Gefragten abzuwarten. Dann ist das, was von mir abhängt, die Möglichkeit, für ein eventuelles Antworten einen adäquaten Ort zu schaffen. Dieser Ort wäre für mich einer, an dem wahrhaftig gesprochen wird, offengelegt wird, wer spricht. Also ein Ort der Erkenntnis. Ein Ort, an dem das Gefragte sich bedingungslos als Ich aussagen kann. Also ein Tempel. Ein Ort, an dem es sein kann, wie es „wirklich“ ist, mit allen Schwächen. Also ein Ort der Selbsterkenntnis. Ein Ort, sich selbst zu erschaffen, wie es künftig sein möchte. Also ein Ort der Entwicklung. Ein Ort, an dem das Gesprochene Gehör findet und wo der Sprecher ein „Du“ auf Augenhöhe ist. Also ein Ort des Gesprächs. Diesen Ort wollte ich „Wissenschaft in der Du-Perspektive“ nennen, weil er die Ich-Perspektive kennt und achtet, aber dem Hörenden seinen Namen, das ist seine Vergangenheit offenlegt. Weil er die „Es-Perspektive“ kennt und achtet, aber weiterführt, weil er auf die die Zukunft des Wesens hören will. Weil er die Gegenwart des anderen Wesens voraussetzt. Dieser Ort ist so aber keine „Sache“, die man macht, wie etwa „Wissenschaft“. Aber er ist kein Ort im Raum, sondern ein Ort in der Zeit. Ein Ort, an dem ich fragen würde, wofür sich die anderen entschieden haben. Genauso wie Philipp und Johannes, die offenbar schon da sind. Entschuldigt, ich habe ein bisschen länger gebraucht. Ein Ort für: „Wer ist in der Zeit? Vier Tage Gespräch.“

Ein aktueller Begriff geistiger Gemeinschaftsbildung

Thomas Brunner, August 2007

Ein wesentliches Charakteristikum der modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung kann damit gekennzeichnet werden, dass alle Verhältnisse einer zunehmenden Anonymisierung unterworfen sind. Die Ur-Wirtschaftsgesellschaften waren ja ganz unmittelbare (Selbstversorgungs- und dann Tausch-) Gemeinschaften. Mit dem Entstehen der Rechts-Gemeinschaften entstanden neue Ordnungen: die Anfänge der modernen Nationalstaaten und damit auch des modernen Geldwesens. Damit blühte der überregionale Handel auf. Die ursprüngliche Nähe von Produzent und Konsument löste sich immer mehr, die Arbeitsteiligkeit wurde zum Wirtschaftsprinzip. In gewisser Weise aber blieb ein Strang des alten naturgebundenen Wirtschaftens aktiv, in dem die Staaten (zuerst als Monarchien, dann als steuernde "Demokratien") nicht als reine Rechtsgemeinschaften gedacht wurden, sondern immer noch als Wirtschaftsgemeinschaften, also sozusagen als auf ein ganzes Volk erweiterte hierarchisch geordnete "Familien", d.h. Oligarchien. Diesen Status pflegen die Nationalstaaten im Grunde bis heute. Dies ist aber in einer Zeit, die längst als Weltwirtschaftsgemeinschaft arbeitet, ein offensichtlicher Anachronismus. Dazu kommt, dass sich mit der Zeit ein anderes Verhältnis zur Erde ausbildete, die Menschen machten sich die Erde nicht nur „untertan“, sondern sie verwirtschaftlichten auch Grund und Boden, indem Sie Eigentumsrechte an der Erde bildeten.
Was bedeutet es nun also die Staaten zeitgemäß weiter zu entwickeln? Offensichtlich doch wohl vorallem, dass die Staaten ihr eigenes Wirtschaften (d.h. ihr eigenes, durch Steuergelder, das soziale Leben-Lenken) überwinden. Dieses eigene Wirtschaften geschieht insbesondere durch Subventionen. Mit dem "Bedingungslosen Grundeinkommen" wird nun in gewisser Weise eine neue Art von Subvention geschaffen, da nicht mehr konkrete Zwecke und Institutionen subventioniert werden, sondern der einzelne Staatsbürger. Dieser einzelne Staatsbürger ist natürlich potentiell Menschheits-Mensch (=Individualität) und doch ist er ja als solcher noch gar nicht angefragt, sondern eben als Mitglied dieses einen Nationalstaates. Genau betrachtet überwindet das "Bedingungslose Grundeinkommen" den anachronistischen Status des nationalen Einheitsstaates als Wirtschaftsgemeinschaft im alten Sinne also NICHT, sondern manifestiert diesen Status sogar auf einer viel tieferliegenden Ebene.
Natürlich muss sehr gewissenhaft gefragt werden, in wie weit das „Bedingungslose Grundeinkommen" trotzdem zumindest ein Schritt in der richtigen Richtung ist. Dazu aber ist selbstverständlich notwendig zu wissen, was denn die richtige Richtung wäre. Was heißt es also konkret, den Staat als egoistisch wirtschaftendes "Sozialsubjekt" zu überwinden? Was heißt es also, das Individuum wirklich als Individualität zu erfassen? Kann diese Frage staatlich überhaupt beantwortet werden? Oder muss nicht vielmehr ein neues Gebiet der Selbstbesinnung des Menschen überhaupt erst gebildet werden, von dem aus dann die zeitgemäße Umgestaltung der Staaten ausgehen und auch ein wirklich zeitgemäßes transnational-assoziatives Wirtschaften impulsiert werden kann?

Diese Fragen lebensvoll gestellt führen in einen aktuellen Begriff geistiger Gemeinschaftsbildung und eröffnen einen Zugang in die Geschichte, das Wesen und den Menschheitsauftrag der Kunst...

Kunst, das bedeutet doch erst einmal sicher etwas, was nicht ohne den schöpferischen, gestaltenden Menschen da wäre.
Das gilt für die bildnerischen und musischen Künste in gleicher Weise wie für Begriffs-zusammenhänge, die eben auch nicht einfach vor-gefunden werden, sondern denkend im Bewusst-sein gebildet werden müssen. Letztendlich ist die gesellschaftliche „Gerechtigkeit“ eben auch kein „Naturerzeugnis“, sondern dafür der Ausdruck, ob oder ob nicht in genügender Weise in Zusammenhängen gedacht wird.
Friedrich Schiller war der Erste, der die künst-lerische Dimension des Denkens (und seine Anschaubarkeit) herausgearbeitet hat. In Hegels Ästhetik gibt es dann bereits die fünf Künste:
Architektur,
Plastik,
Malerei,
Musik und
Dichtung oder Begriffskunst.
Bei Rudolf Steiner kommt die Eurythmie und die „soziale Kunst“ dazu. In diesem Sinne spricht auch Joseph Beuys von der „Erweiterung des Kunstbegriffs“.
Andererseits ist die Kunst eine Methode:
mit Elementen, ob sinnlicher oder übersinnlicher Natur, zu „s p i e l e n“, d.h. nicht nur „Natur-gesetzen“ oder „Vernunftgesetzen“ einseitig zu folgen, sondern (mit den Worten Schillers):
„Stoff-“ und „Formtrieb“
im „Spiel“
eine Verbindung eingehen zu lassen
- sonst „zerfällt“ der Mensch und wird „Wilder“ („wenn seine Gefühle über seine Grundsätze herrschen“) oder „Barbar“ („wenn seine Grundsätze seine Gefühle zerstören“).
Schiller geht davon aus, dass das soziale Leben selbst eine künstlerische Aufgabe ist; insofern es hier gilt, verschiedene einseitige Kräfte-Wirkungen zum Ausgleich auf einer höheren Ebene zu bringen. Deshalb entwirft Schiller mit seinem „ästhetischen Staat“ eine gesellschaftliche Sphäre, die aus den jeweils individuell gegebenen wirtschaftlichen Möglichkeiten, sowie den einsehbar-rechtlichen Notwendigkeiten als dritter gesellschaftlicher Bereich neben Wirtschaft und Staat gebildet werden muss.
„Gleich frei von der eiteln Geschäftigkeit, die in den flüchtigen Augenblick gern ihre Spur drücken möchte, und von dem ungeduldigen Schwärmergeist, der auf die dürftige Geburt der Zeit den Maßstab des Unbedingten anwendet, überlasse er [der „soziale Künstler“] dem Verstande, der hier einheimisch ist, die Sphäre des Wirklichen; er aber strebe, aus dem Bunde des Möglichen mit dem Notwendigen das Ideal zu erzeugen.“ (Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 9. Brief)
Dieser Methode entsprechend wird über hundert Jahre später Rudolf Steiner einen der zentralen „Kernpunkte der sozialen Frage“ beschreiben und damit einer zeitgemäßen Entwicklung der Zivilgesellschaft ihren wegweisenden Impuls geben:
„Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige Glied des sozialen Organismus.“ (Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage, Vorrede und Einleitung, Dornach 1996, Seite 14)

In diesem Sinne ist es an der Zeit, wieder ein grundlegendes Verständnis für die soziale Bedeutung eines wahrhaft freien und sich zivilgesellschaftlich selbstverwaltenden Bildungs- und Kulturlebens zu erarbeiten – um den Übergang vom politisch-utopischen Denken zu wirklich sozialwirksamer künstlerischer Handlungsfähigkeit und daraus hervorgehender Gesellschaftsgestaltung zu finden.

Bildungskultur außerhalb der Institutionen

Florian Lück, 3. August 2007

Was ist an der Zeit?

Es ist an der Zeit eine freie Bildungskultur außerhalb der Institutionen zu verwirklichen, weil ich sehe, wie in unserem staatlich organisierten Bildungssystem niemand mehr wirklich zu sich selbst findet. Das wird aber nötig werden, wenn unsere Kultur sich dahin entwickelt, dass es im Leben nicht in erster Linie um die Existenzsicherung geht, (die EU-Kommission begründet die Wichtigkeit eines hohen Bildungsabschlusses in einem aktuellen Arbeitspapier vor allem mit der Aussicht auf ein festes Gehalt) sondern wenn die Menschen immer mehr wissen wollen, was sie als Individuen, und nicht als Funktion, mit dieser Welt zu tun haben. Ich begegne immer mehr Jugendliche die wissen oder zumindest ahnen, dass Sie einen einzigartigen Beitrag für diese Welt leisten können; dass es ihr innerster Impuls, ihre innerste Intention ist, die sich in ihrer Biographie verwirklichen will. Doch die Schulen bieten kaum ein Wachstumsklima dafür, stopfen das Bewusstsein mit Informationen zu und kultivieren oft Misstrauen, Resignation, Gleichgültigkeit und Angst; Angst zu versagen, Angst keine Erwerbsarbeit zu bekommen, Angst vor Bestrafung; um nur einige zu nennen. Das Soziale in der Schule wird zum großen Teil zusammengeklebt durch Zwang und Angst. Es herrscht ein Krampfzustand unter dem sowohl Lehrer als auch Schüler leiden.

Um zum einen diese Situation zu entkrampfen und zum anderen den Intentionen der jungen Generationen Treibhäuser zu bieten sollten wir ein freies Geistesleben voranbringen, dass sich außerhalb der systemisch organisierten Bildung entfaltet. Da es sich nicht mehr um etwas Institutionalisiertes handeln wird, brauchen wir eine Wahrnehmung der lebendigen Idee dessen, was freies Geistesleben ist.

Seit fünf Jahren erlebe ich Schüler, die aus eigener Initiative Schülertagungen organisieren und so Freiräume schaffen, in denen die Sachen auf den Tisch kommen können, die wirklich und authentisch anstehen. Andere stornieren ihr 13. Schuljahr und wagen sich in einen selbstgeschaffenen Freiraum und wieder andere reisen, suchen ihren Weg und ringen mit der Frage nach sich Selbst. Wo ist mein Weg und wo mein Impuls? Da sind Jugendliche deren Bewusstsein ein anderes ist, die z.B. sofort durchschauen, wenn jemand nicht authentisch ist – die also irgendwie wissen oder zumindestens ahnen, was es heißt wahrhaftig Ich zu sein und zu Leben. Und das suchen Sie: Menschen die aus einem Ich-Impuls leben und arbeiten. Sich lebendig ringend entwickelnde Selbste sind gefragt; Menschen die befeuert sind von ihrem eigenen Ich.

In dieser Richtung werden wir der Frage praktisch näher kommen: Wie kommt das Neue in die Welt? – die Wirtschaft hat längst damit begonnen. Unter dem Titel „Presencing“ geht Claus-Otto Scharmer vom M.I.T. in Bosten, ehemaliger Student der Uni Witten/Herdecke, mit Unternehmensführungen direkt an die Frage nach der Quelle der Kreativität. Er sucht den „offenen Willen“ beim Einzelnen, in dem das Zukünftige hereinströmt – auch mit Mercedes-Benz in Stuttgart.

Die Realisierung eines freien Geisteslebens ist eine Weltnotwendigkeit, weil sich nur hier der Mensch die Kräfte erschließen kann, die in der Lage sind, der Dunkelheit unseres Zeitalters etwas entgegen zu stellen.