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Wann ist heute?

Stefan Brotbeck

Philosophie gilt als eine schwierige, ja mühselige Angelegenheit. Sie ist es in der Tat. Aber sie ist nicht schwierig, weil sie abstrakt ist oder bevorzugt Elfenbeintürme bewohnt, sondern weil sie von Dingen spricht, die uns allen vertraut sind. Dinge aber, die uns allen vertraut sind, scheinen dafür prädestiniert zu sein, verschlafen zu werden. Wir übersehen das Offensichtliche, und das Selbstverständliche verstehen wir zuletzt. Philosophie ist eine Art geistige Augenkunde für die offenbaren Geheimnisse. Über das Außergewöhnliche und Mirakulöse kann jeder staunen. Über das Gewöhnliche, offen zu Tage Liegende nur Philosophen. – Und was gibt es Gewöhn-licheres als unseren Blick auf die Uhr.

Wir sehen, wie der Zeiger vorrückt. Wir sehen, wie es so schön heißt, die Zeit verstreichen. Das Nacheinander stellen wir uns als Nebeneinander auf einer Zeitlinie vor (die übrigens durchaus kreisförmig sein kann). Wir stellen uns das vor, zweifellos unterstützt durch den alltäglichen Blick auf die Uhr (Uhren sind Veränderungsmaßstäbe zur Zeitmessung) und durch den alltäglichen Blick in die Agenda (der Kalender repräsentiert das Nacheinander). Die zeitlichen Ereignisse erscheinen wie Perlen auf einer Kette (diese Kette mag offen oder geschlossen sein, eine Kette bleibt sie dennoch). Das ist das, was Steiner als Orientierung aus dem Räumlichen über die Zeit bezeichnet hat: ›Wir schließen vom Räumlichen auf die Zeit. Diese Art, sich ins Leben hineinzustellen, ist überhaupt unsere gewöhnliche geworden. (…) Aber nicht in der gleichen Weise erleben wir das innere Werden der Zeit.‹

Nun sprechen wir ohne Schwierigkeiten auch davon, dass ein Ereignis bereits zur Vergangenheit gehört und ein anderes Ereignis in der nahen oder fernen Zukunft liegt.

Ist das nicht alles klar, ja recht eigentlich banal? Nichts ist klar – und nichts ist banal.

Denn hier geht es um nichts Geringeres als um das Rätselmoment, dass es nur für ichbewußte Wesen Vergangenheit und Zukunft gibt. Nur für ichbewußte Wesen gliedert sich die lineare chronos-Zeit in die Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In einer rein physikalisch beschreibbaren Welt gibt es nur ein Früher, Gleichzeitig und Später, es herrscht nur die lineare Zeitordnung, die bloße Sukzession: In einer rein physikalisch beschreibbaren Welt gibt es nur Entitäten, die wie vier-dimensionale Würmer bestimmte Portionen der Raum-Zeit ausfüllen. Ein Individuum erscheint hier einfach als die Summe seiner zeitlichen Teile.

Diese Welt aber ist in einem denkbar nüchternen Sinne keine menschliche. Es ist eine Welt ohne Ge-stern und ohne Morgen, eine Welt ohne Vergangenheit und Zukunft.

Es ist eine Welt, in der nie ›heute‹ ist.

Doch Vorsicht! Ist da nicht eine Mystifikation im Gang? Zukunft ist doch das, was später ist als heute, und Vergangenheit ist doch das, was früher ist als heute. Was also soll das ganze Gerede von Ichwesen, die da eine Rolle spielen sollen?

Es bedarf nur eines etwas aufgeweckteren Blicks, um zu bemerken: ›Früher-später‹ kann – muß aber nicht – ›vergangen-zukünftig‹ meinen. Morgen ist später als heute, aber eben auch früher als übermorgen – beide aber liegen in der Zukunft. Gestern ist früher als jetzt, aber eben auch später als vorgestern – beide aber liegen in der Vergangenheit.

Wir machen uns Vorstellungen über das Nachein-ander, das Früher und Später – und übersehen, dass die Gegenwart jenes Andere der Zeit ist, die erst eigentlich die Zeit zur Zeit macht. Die Gegenwart (und die ebenso von der Gegenwart her wie auf die Gegenwart hin zu bestimmende Vergangenheit und Zukunft) ist das Andere der Zeit, welches nicht metaphysische Zeitlosigkeit meint, sondern Ursprung der Zeit selbst.

Dürfen wir also bei der Gegenwart überhaupt von einem Zeitabschnitt reden? Werden wir hier nicht Gefangene eines Bildes – Gefangene einer falschen Vorstellung? – Bringen wir die Zeit zur Strecke, indem wir das Andere der Zeit ›chronifizieren‹, – womöglich noch, dass wir die Gegenwart in einem in Milliardestelsekunden filigranisierten ›Jetzt‹-Atömchen zu erhaschen suchen?

Gegenwart ist kein neutraler Punkt innerhalb einer Sukzessionsreihe, sondern vielmehr Quellpunkt der Zeit. Dieser Quellpunkt aber ist der wunde Punkt aller Metaphysik und Antimetaphysik. Sie beide haben keine Augen und bilden keinen ›Körper‹ für die Gegenwart, die nicht von dieser Welt ist – und zugleich auf eine unendlich intimere Weise auf diese Welt bezogen ist, als es sich alle Zeitlosigkeits- und Zeitlichkeitsapostel zu träumen vermöchten… ‹

Ich bin an der Zeit

Benjamin Kolass

Wer sonst sollte es sein? Ja, auch du, aber dann ist‘s an dir, dies zu sagen!
Von Kindheit an bin ich an der Zeit. Damals öffnete ich morgens die Augen und begann die Welt um mich zu erobern. Die Zimmer im Haus, den Garten, die Strassen im Dorf, den Schulunterricht, überall, wo ich war, war ich an der Zeit. Denn ich war dabei, in den Ereignissen um mich. Auch meine Eltern, die meinen Rhythmus bestimmten, gehörten dazu. Sie waren Teil meiner Welt, wie das Bimmeln der Schulglocke oder das läuten des Kirchturms.
Das änderte sich vor meinem 11. Geburtstag. Im Schaufenster sah ich eine Armbanduhr und sofort war mein Wunsch klar. Die Uhr war ganz aus Me-tall, schlicht, mit leicht rot kariertem Ziffernblatt. Sekunden zeigte sie nicht, die gehörten ins Reich der schneller-weiter-höher-Fanatiker. Nur einmal pro Minute rückte der längere Zeiger voran und nahm den kürzeren ein Stück mit.
Nun hatte auch ich die objektive Zeit bei mir und begann, meine Zeit zu ordnen und zu bestimmen. Ich glaubte mich im Einklang mit allen anderen. Wohin ich kam, alle Uhren zeigten die selben Stunden und Minuten.
Dann kamen Handy, Laptop und Internet, und mit ihnen verschwand meine Uhr in der Schublade.Mein Handy zeigte auch die Zeit, und warum sie doppelt mit mir tragen? Noch wichtiger: Ich brauchte mich nicht mehr auf die Minute genau verabreden. Ich konnte anrufen, wenn ich da war. – War das Faulheit? Oder die Emanzipation von einer mit Stress durchzogenen Terminkalenderralley?
Ich fühlte mich jedenfalls frei und entspannt, wenn ich mein Studien- und Arbeitsleben so einrichten konnte, dass die Stundentaktung, die mir seit der Schulzeit durch meine und andere Uhren gegeben worden war, verschwand. Ich lebte fast zeitlos, nicht mal die Ziffern auf dem Handy interessierten mich mehr.
Inmitten dieser Zeitlosigkeit entdeckte ich eine neue Dimension. Scheinbar gab es Momente, in denen mir etwas zu fiel. Ein Gedanke, eine Begegnung, ein Buch. Etwas, das ich gesucht hatte, doch niemals systematisch durch ein Studium in Zeitkontingenten, bei der Arbeit mit der Stechuhr oder durch exakte Verabredung erreichte.
Zufall? Oder eine neue Form der Zeit, in die ich eingetaucht war? Vielleicht. Jedenfalls funktionierte diese Dimension nicht immer. Und nicht mit allen Menschen. Manche pochten auf pünktliches Erscheinen zum Termin, behielten ihre festen Arbeitszeiten genauso wie ihre feste FreiZeit. Andere waren immer zur rechten Zeit am rechten Ort, stets erreichbar und offen für das, was anstand. Um ihnen zu begegnen, verwandelte ich die Zeit, den Termin, in bestimmte Orte, an denen es wahrscheinlich war, sie dort anzutreffen. Oder die zufällige Begegnung an einem Ort bestimmte, dass jetzt die Zeit zum Austausch, zum Termin, gekommen war.
Was bedeutete das für mich? permanentes Warten auf Zufälle? Doch sie kamen meist dann, wenn ich nicht auf sie wartete, wenn ich sie nicht erwartete. Was konnte ich tun, um ihnen zu begegnen? Ich stellte fest, dass eine Verbindung zu den grundsätzlicheren Fragen in mir bestand. Nur war mir nicht immer bewusst, woher die Antwort tatsächlich kam. Doch ich konnte die Fragen anreichern, sie bewegen, erweitern, vertiefen. Und ich brauchte Empfindungsvermögen für Momente, für Orte, an denen die Zeit reif war. Aber die wichtigste Voraussetzung dafür war, dass ich in mir bin.
Ich bin an der Zeit, wenn ich all die Minuten meines Lebens da bin, mich für etwas begeistere, Verantwortung trage. Die Minuten gehören mir - sowie allen anderen - wenn ich in mir spüre, dass ich ihre Weiterentwicklung, ihr Potential sehe. Und ihre Ursachen in der Vergangenheit verstehe.
Dort am Fliessband der Maschine war ich nicht an der Zeit. Die Maschine bestimmte den Takt, den Ablauf der Handgriffe, immer gleich und ausserhalb von mir. Wie die Stechuhr, die meine Arbeitsstunden dokumentierte.
Bin ich an der Zeit, bestimme ich sie, flexibel, kreativ, phantasievoll, mit all diesen menschlichen Fähigkeiten. Durch mich dehnt oder verkürzt sich dann die Zeit, scheinbar relativ.
Ich bin an der Zeit, wenn ich an mir bin, ein Erlebnis von dem habe, was mein Beitrag zum grossen Ganzen ist, wenn ich meine Verbindung zur Welt erlebe. Dafür gibt es keine Gebrauchsanweisung, keine Schulung. Denn die Zeit ist kein System, dem ich mich anpassen kann. Sehe ich sie als System, muss ich mich unterwerfen oder sie mit Macht übernehmen. Könnte man sagen, es gibt ein inneres Gehör, durch das ich an die Zeit, an mich lauschen kann? Ich lege die Uhren zur Seite und wende den Blick nach innen, nach aussen. ‹

Eindeutigkeit

Philipp Tok

Du beginnst zu lesen. Ich habe den Stift in Bewegung gebracht. – Vor dem Anfang war das Vergessen. Um zum Ende zu kommen, werde ich mich dem Erinnern widmen.

Peter Sloterdijk teilcharakterisiert die Persönlichkeit von Jacques Derrida mit den Worten ›Seine Bahn war bestimmt von der immer wachen Sorge, auf eine bestimmte Identität festgelegt zu werden…‹ Ich lese und finde mich wieder. Vor drei Monaten hätte ich gern aus einem reissenden Willensstrom geantwortet, an der Zeit ist:

1. Eine menschliche, inhaltsvolle Wissenschaft, die eine neue Verbindung mit der Welt ermöglicht, eine neue Liebe zur Welt eröffnet. Universell, individuell, jenseits äusserer Autoritäten.

2. Eine neue kulturelle Identität. Gefragt sind innerlich bewegliche wie umfassende Identitäten, die sich lösen aus der Tradition äusserer feststehender Gesichtspunkte. Identitäten, die das individuelle Gestelltsein vermitteln mit der globalen Zivilisation.

3. Eine Anschauungsweise, die sich weder am Stoff noch an der Idee orientiert, als vielmehr in alles untertaucht und in allem bildet.

4. Das Verständnis, dass Arbeit heute als Medium begriffen werden muss, in dem etwas zur Erscheinung und Verwirklichung kommen will, was jenseits des offenbaren und scheinbaren Zweckes der Form der Arbeit anzusiedeln ist. Arbeit als Identität hat abgewirtschaftet.

Zusammenfassung: Das Ende der Eindeutigkeit ist an der Zeit.

Damit ist eine Position angedeutet, die meine innere Verfassung spiegelt. Doch mir wurde die Frage neu zur Frage. ›Was ist an der Zeit?‹ – Der Willensstrom versiegte im Spätsommer. Worauf zielt die Frage? Was spricht sie selber aus? Was erwarten wir von der Antwort? – Ich wende mich an Goethes Märchen, dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Hier spricht die abstrakte Frage als füllige Antwort. Hier könnte etwas von ihrem Wesen sichtbar werden.

›Die Zukunft liegt in den Archiven.‹ Auf die Erfüllung einer alten Weissagung lässt Goethe seinen alten Mann mit der Lampe hinweisen, indem er ihm das Wort ›Es ist an der Zeit‹ in den Mund legt. Die Weissagung: Eine Brücke wird die beiden Ufer des Flusses miteinander verbinden, eine mächtige Brücke. ›Pferde und Wagen und Reisende aller Art sollen zu gleicher Zeit über die Brücke her-über und hinüber wandern. Ist nicht von den großen Pfeilern geweissagt, die aus dem Flusse selbst heraussteigen werden?‹ Am Ufer wird ein Tempel stehen. Ebenso beinhaltet die Weissagung Hinweise auf die Zeichen, unter denen die Erfüllung stehen wird. Drei mal wird die Lilie an einem Tag das Wort zu hören bekommen, dann ist es soweit. ›Es ist an der Zeit.‹

Die Magie der Aussage liegt in ihrer Qualität aktuell vergehender, sich erfüllender Zukunft. Alle Zeitelemente nimmt der Satz in sich auf. Er verkündet die Erfüllung einer langersehnten, zurückliegenden Voraussage in der gegenwärtigen Zukunft. Die Aussage ist ein Zeitspiel. Das Bewusstsein wird von diesem Spiel in eine Steigerung getrieben. Alle Zeiten fliessen ineinander. Die ganze Welt, von Anfang bis Ende, versammelt sich in der Gegenwart.

Vergangene Zukunft
Gegenwärtige Zukunft
Zukünftige Zukunft

Zukünftige Gegenwart
Vergangene Gegenwart
Gegenwärtige Gegenwart

Gegenwärtige Vergangenheit
Zukünftige Vergangenheit
Vergangene Vergangenheit

Die so erzeugte Gegenwart des Lesers hebt sich aus der ernüchterten Vorstellung eines ablaufenden Zeitstroms. Alles ist sinnhaft verwoben, von Anfang bis Ende. Jedes eintretende Unglück erfährt innerhalb des Märchens Verglückung. – Das Bild der Brücke lässt sich auf die Aussage ›Es ist an der Zeit‹ rückanwenden. Sie selbst ist der ›Bogen‹, die sinnvolle Verbindung aller voneinander getrennt erscheinenden Ereignisse und Orte.

Goethe verweist mit seiner Haltung, die Frage nicht aufzuwerfen, sondern sie ausschliesslich zu beantworten, auf ein Geheimnis, das in der Frage Widerstand desjenigen wird, der sie versucht zu beantwor-ten. Das an der Zeit sein ist eine Tat. Das Sagen, was an der Zeit ist, ist eine Gewalt. Welcher Instanz gestehen wir zu, über diese Frage zu entscheiden? – ›Es ist an der Zeit.‹ ist eine Weltaussage, die in Form des Märchens unsere empfänglichen Gefühle anspricht. Würde Goethe vor seine Zeitgenossen hingetreten sein und ihnen angesagt haben, wie spät es ist, hätte er wohl kaum mehr als den Eigensinn der Angesprochenen herausgefordert. In den Bildern des Märchens können wir uns einigen. Sie lassen uns frei.

Schauen wir aufgrund dieser Betrachtung erneut auf die Frage ›Was ist an der Zeit?‹, erscheint sie als dunkel und eigenartig. In ihr fehlt die Brücke. Das ›Es‹, das umfassende, einhüllende Wesen, die unsichtbare Autorität, die die Geschicke gestaltet. Wir sind zurückgeworfen auf unseren mageren Verstand, in dem das ›Was‹ herrscht. Uns fehlt der Gehalt einer Vorhersage, die an die Zeit tritt. Umgewendet will die Frage von der Zeit ausgehend auf ein Ereignis schliessen, das eintreten soll. Ein unmögliches Unterfangen?

Jeder Versuch, die Frage zu beantworten, verweist auf die eigene Verfassung, die eigene Fähigkeit. Was für mich ansteht, vermag meine Phantasie auszuspüren. Die Frage ›Was ist an der Zeit?‹ ist jedoch nicht die Frage ›Was ist für mich dran?‹ Ihr Kern, Reiz und ungreifbarer Sinn liegt in ihrer allgemeinen Formulierung. – Reicht meine Phantasie aus, um eine allgemeine Antwort, das heisst eine für die ganze Welt zu geben? Kann ich die unsichtbar waltende Autorität und den Alten mit der Lampe in mir vereinen? Über das Gegebene hinausgehen? Das Ganze sinnhaft fügen?

Treten wir zurück von der Phantasie, die von der Frage gefordert ist, in die Vernunft. Können wir benennen, wo die heiklen, die pontentiellen Themen der Gegenwart liegen, die den Bogen neu spannen könnten? Die Frage fragt nicht nach einer ewigen Antwort, die vor einhundert Jahren ebenso aktuell wie in einhundert Jahren gewesen wäre. Doch soll sie den Charakter des Ewigen, des Sich-sinnvoll-aufeinander-Beziehens aller gegebenen Elemente bergen.

Was sind die gegebenen Elemente? – Die Welt ist zerfallen in Subsubsubkulturen, Individualitäten, gefangen im Unwissen um ihre eigenen Voraussetzungen. Jenseits des individuellen Bewusstseins vollzieht sich das Weltenschicksal. Wir stehen in jener Zeit, in der das Subjekt zum Herren einer objekthaften Welt geworden ist. Das Subjekt verfolgt halbwach die Erschaffung von möglichst unbegrenzt schmerzfreiem Glück. Der berechnende Verstand steht in Kulmination mit den unveredelten Instinkten. Nennen wir es kurz das Komfortglück. Eine gewaltige Kraft. Innerhalb weniger hundert Jahre gestaltete
sie fast die gesamte Erdoberfläche samt menschlicher Lebenswelt um. – Welche Idee kann sich einer solchen Gestaltungskraft rühmen? Doch erschöpft sich das Weltgeschehen in dem so gewonnenem Status? An einem Ufer stehen die vereinzelten, orientierungslosen, doch selbstverwirklichenden Subjekte. Am anderen Ufer steht eine tote, objekthafte Welt, die Welt der Maschine, der Mechanismen, der Funktionen.

Was hätte die Kraft, eine neue Brücke zu schlagen? Die Objekte zu subjektivieren. – ›Ist es nicht das Telefon, das sich für mich interessiert?‹ – Das Individualisierte dem Ganzen neu einzuverleiben? Was wär heute eine Wissenschaft, die sich nicht um ein Teilgebiet, sondern um das Gesamtgebiet bemüht?

›Endlich ahnen, nicht immer wissen‹ hat ein Engel im ›Himmel über Berlin‹ gesagt. – Wir suchen einen Vorgang. Das, was vor der Erkenntnis liegt.Heisst das Zauberwort Identifizieren? Untertauchen in die Welt der Erscheinungen, in die Welt der Taten, in die Welt der Identitäten? Die Einseitigkeiten aufeinander loslassen? Das Getrennte in den eigenen Zusammenhang verweben? Das Verhangene differenzieren?

Am Ende von Goethes Märchen erstarrt der tapsige Riese in einem Kreis aus Bildern. Der Riese verkörpert den Rausch, der Bilderkreis das Weltenschicksal. Zusammen bilden sie auf dem Vorplatz des Tempels eine gewaltige Uhr. Vom Schatten des Riesen wird gesagt, dass er alles vermag, im Gegensatz zu seinem Leib, der keinen Strohhalm zu heben vermag. Dieser Schatten taucht nun unter in die Bilder. Er wird zu einem Zeiger. Jenem Zeiger, der sagt, was an der Zeit ist. Er weist auf Bilder, auf Vorgänge, die in die Zeit treten.

Gerade war ich in Berlin auf dem Festival ›9to5 – Wir nennen es Arbeit‹. Die selbsternannte ›digitale Bohème‹ traf sich drei Tage und Nächte zum Leben und Arbeiten. Der alte Arbeitstag von 9 Uhr Vormittag bis 17 Uhr wurde hier umgedreht, von 21 Uhr bis 5 Uhr am Morgen gab es Konzerte, Lesungen und Seminare. Hier standen Fragen im Zentrum wie ›Was wäre ein linker Neo-Liberalismus?‹ Vier Uhr am Morgen sitze ich am Rand des tanzenden Konzertsaals und setze Texte. – Das Spiel der Identitäten ist eröffnet.

Vergessen? Derrida erscheint am Horizont unter der glühenden Sonne ›Als ob das Ende der Arbeit am Ursprung der Welt stünde.‹ – Ich werde den Stift bei-seite legen. Du hörst auf zu lesen. ‹



Peter Sloterdijk – Derrida, ein Ägypter, Suhrkamp 2007; Johann Wolfgang Goethe – Das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, Die Horen 1795; Wim Wenders und Peter Handke – Der Himmel über Berlin, Road Movies Filmproduktion/Argos Films 1987. Jacques Derrida – Die unbedingte Universität, Suhrkamp 2001.

Ich werfe meine Kleider ab

1. William Shakespeare

Die Zeit ist aus den Fugen: Fluch und Gram,
Daß, ich zur Welt sie einzurichten, kam.
(Hamlet)


2. Heiner Müller

Ich stehe zwischen Männern, die mir unbekannt sind, in einem alten Fahrstuhl mit während des Aufstiegs klapperndem Metallgestänge. Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein. Ich habe einen Termin beim Chef (in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins), sein Büro ist in der vierten Etage, oder war es die zwanzigste; kaum denke ich darüber nach, schon bin ich nicht mehr sicher. Die Nachricht von meinem Termin beim Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) hat mich im Kellergeschoß erreicht, einem ausgedehnten Areal mit leeren Betonkammern und Hinweisschildern für den Bombenschutz. Ich nehme an, es geht um einen Auftrag, der mit erteilt werden soll. Ich prüfe den Sitz meiner Krawatte und ziehe den Knoten fest. Ich hätte gern einen Spiegel, damit ich den Sitz der Krawatte auch mit den Augen prüfen kann. Unmöglich, einen Fremden zu fragen, wie dein Schlipsknoten sitzt. Die Krawatten der andern Männer im Fahrstuhl sitzen fehlerfrei. Einige von ihnen scheinen miteinander bekannt zu sein. Sie reden leise über etwas, wovon ich nichts verstehe. Immerhin muß ihr Gespräch mich abgelenkt haben: beim nächsten Halt lese ich auf dem Etagenanzeiger über der Fahrstuhltür mit Schrecken die Zahl Acht. Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir. Entscheidend ist der Zeitfaktor. FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT / IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT. Als ich das letztemal auf meine Armbanduhr geblickt habe, zeigte sie Zehn. Ich erinnere mich an mein Gefühl der Erleichterung: noch fünfzehn Minuten bis zu meinem Termin beim Chef. Beim nächsten Blick war es nur fünf Minuten später. Als ich jetzt, zwischen der achten und neunten Etage, wieder auf meine Uhr sehe, zeigt sie genau vierzehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden nach der zehnten Stunde an: mit der wahren Pünktlichkeit ist es vorbei, die Zeit arbeitet nicht mehr für mich. Schnell überdenke ich meine Lage: ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen vielleicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe. Ich sehe mich schon auf einer Bahre ausgestreckt, die auf meinen Wunsch in das Büro des Chefs getragen und vor seinem Schreibtisch aufgestellt wird, immer noch dienstbereit, aber nicht mehr tauglich. Vorläufig spitzt sich alles auf die durch meine Fahrlässigkeit im voraus nicht beantwortbare Frage zu, in welcher Etage der Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) mit einem wichtigen Auftrag auf mich wartet. (Es muß ein wichtiger Auftrag sein, warum sonst läßt er ihn nicht durch einen Untergebenen erteilen.) Ein schneller Blick auf die Uhr klärt mich unwiderlegbar über die Tatsache auf, daß es auch für die einfache Pünktlichkeit seit langem zu spät ist, obwohl unser Fahrstuhl, wie beim zweiten Blick zu sehn, die zwölfte Etage noch nicht erreicht hat: der Stundenzeiger steht auf Zehn, der Minutenzeiger auf Fünfzig, auf die Sekunden kommt es schon länger nicht mehr an. Mit meiner Uhr scheint etwas nicht zu stimmen, aber auch für einen Zeitvergleich ist keine Zeit mehr: ich bin, ohne daß ich bemerkt habe, wo die andern Herren ausgestiegen sind, allein im Fahrstuhl. Mit einem Grauen, das in meine Haarwurzeln greift, sehe ich auf meiner Uhr, von der ich den Blick jetzt nicht mehr losreißen kann, die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so daß zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehn. Mir wird klar, daß schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit. Ich verfalle auf wilde Spekulationen: die Schwerkraft läßt nach, eine Störung, eine Art Stottern der Erdrotation, wie ein Wadenkrampf beim Fußball. Ich bedaure, daß ich von Physik zu wenig weiß, um den schreienden Widerspruch zwischen der Geschwindigkeit des Fahrstuhls und dem Zeitablauf, den meine Uhr anzeigt, in Wissenschaft auflösen zu können. Warum habe ich in der Schule nicht aufgepaßt. Oder die falschen Bücher gelesen: Poesie statt Physik. Die Zeit ist aus den Fugen und irgendwo in der vierten oder in der zwanzigsten Etage (das Oder schneidet wie ein Messer durch mein fahrlässiges Gehirn) wartet in einem wahrscheinlich weitläufigen und mit einem schweren Teppich ausgelegten Raum hinter seinem Schreibtisch, der wahrscheinlich an der hinteren Schmalseite des Raumes dem Eingang gegenüber aufgestellt ist, mit meinem Auftrag der Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) auf mich Versager. Vielleicht geht die Welt aus dem Leim und mein Auftrag, der so wichtig war, daß ihn der Chef mir in Person erteilen wollte, ist schon sinnlos geworden durch meine Fahrlässigkeit. GEGENSTANDSLOS in der Sprache der Ämter, die ich so gut gelernt habe (überflüssige Wissenschaft!), BEI DEN AKTEN, die niemand mehr einsehen wird, weil er gerade die letzte mögliche Maßnahme gegen den Untergang betraf, dessen Beginn ich jetzt erlebe, eingesperrt in diesen verrückt gewordenen Fahrstuhl mit meiner verrückt gewordenen Armbanduhr. Verzweifelter Traum im Traum: ich habe die Fähigkeit, einfach indem ich mich zusammenrolle, meinen Körper in ein Geschoß zu verwandeln, das die Decke des Fahrstuhls durchschlagend die Zeit überholt. Kaltes Erwachen im langsamen Fahrstuhl zum Blick auf die rasende Uhr. Ich stelle mir die Verzweiflung von Nummer Eins vor. Seinen Selbstmord. Sein Kopf, dessen Porträt alle Amtsstuben ziert, auf dem Schreibtisch. Blut aus einem schwarzrandigen Loch in der (wahrscheinlich rechten) Schläfe. Ich habe keinen Schuß gehört, aber das beweist nichts, die Wände seines Büros sind natürlich schalldicht, mit Zwischenfällen ist beim Bau gerechnet worden und was im Büro des Chefs geschieht, geht die Bevölkerung nichts an, die Macht ist einsam. Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Peru. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. Auf beiden Seiten der Straße greift eine kahle Ebene mit seltenen Grasnarben und Flecken von grauem Gebüsch undeutlich nach dem Horizont, über dem ein Gebirge im Dunst schwimmt. Links von der Straße ein Barackenbau, er sieht verlassen aus, die Fenster schwarze Löcher mit Glasresten. Vor einer Plakatwand mit Reklamen für Produkte einer fremden Zivilisation stehen zwei riesige Einwohner. Von ihren Rücken geht eine Drohung aus. Ich überlege, ob ich zurückgehen soll, noch bin ich nicht gesehen worden. Nie hätte ich gedacht, während meines verzweifelten Aufstiegs zum Chef, daß ich Heimweh nach dem Fahrstuhl empfinden könnte, der mein Gefängnis war. Wie soll ich meine Gegenwart in diesem Niemandsland erklären. Ich habe keinen Fallschirm vorzuweisen, kein Flugzeug oder Autowrack. Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Peru gelangt bin, vor und hinter mir die Straße, von der Ebene flankiert, die nach dem Horizont greift. Wie soll überhaupt eine Verständigung möglich sein, ich kenne die Sprache dieses Landes nicht, ich könnte genausogut taubstumm sein. Besser ich wäre taubstumm: vielleicht gibt es Mitleid in Peru. Mir bleibt nur die Flucht ins hoffentlich Menschenleere, vielleicht vor einem Tod in einen andern, aber ich ziehe den Hunger dem Messer des Mörders vor. Mittellos mich freizukaufen bin ich in jedem Fall, mit meiner geringen Barschaft in der fremden Währung. Nicht einmal im Dienst zu sterben ist mir vom Schicksal vergönnt, meine Sache ist eine verlorene Sache, Angestellter eines gestorbenen Chefs der ich bin, mein Auftrag beschlossen in seinem Gehirn, das nichts mehr herausgibt, bis die Tresore der Ewigkeit geöffnet werden, um deren Kombination die Weisen der Welt sich abmühn, auf dieser Seite des Todes. Hoffentlich nicht zu spät löse ich meinen Schlipsknoten, dessen korrekter Sitz mich so viel Schweiß gekostet hat auf meinem Weg zum Chef, und lasse das auffällige Kleidungsstück in meiner Jacke verschwinden. Beinahe hätte ich es weggeworfen, eine Spur. Im Umdrehn sehe ich zum ersten mal das Dorf; Lehm und Stroh, durch eine offne Tür eine Hängematte. Kalter Schweiß bei dem Gedanken, ich könnte von dort aus beobachtet worden sein, aber ich kann kein Zeichen von Leben ausmachen, das einzig Bewegte ein Hund, der in einem qualmenden Müllhaufen wühlt. Ich habe zu lange gezögert: die Männer lösen sich von der Plakatwand und kommen schräg über die Straße auf mich zu, zunächst ohne mich anzusehn. Ich sehe die Gesichter über mir, undeutlich schwarz das eine, die Augen weiß, der Blick nicht auszumachen: die Augen sind ohne Pupillen. Der Kopf des andern ist aus grauem Silber. Ein langer ruhiger Blick aus Augen, deren Farbe ich nicht bestimmen kann, etwas Rotes schimmert darin. Durch die Finger der schwer herabhängenden rechten Hand, die ebenfalls aus Silber zu bestehen scheint, läuft ein Zucken, die Blutbahnen leuchten aus dem Metall. Der Silberne geht hinter mir vorbei dem Schwarzen nach. Meine Angst verfliegt und macht einer Enttäuschung Platz: bin ich nicht einmal ein Messer wert oder den Würgegriff von Händen aus Metall. Lag in dem ruhigen Blick, der fünf Schritte lang auf mich gerichtet war, nicht etwas wie Verachtung. Worin besteht mein Verbrechen. Die Welt ist nicht untergegangen, vorausgesetzt, das hier ist keine andre Welt. Wie erfüllt man einen unbekannten Auftrag. Was kann mein Auftrag sein in dieser wüsten Gegend jenseits der Zivilisation. Wie soll der Angestellte wissen, was im Kopf des Chefs vorgeht. Keine Wissenschaft der Welt wird meinen verlorenen Auftrag aus den Hirnfasern des Verewigten zerrn. Mit ihm wird er begraben, das Staatsbegräbnis, das vielleicht jetzt schon seinen Gang nimmt, garantiert die Auferstehung nicht. Etwas wie Heiterkeit breitet sich in mir aus, ich nehme die Jacke über den Arm und knöpfe das Hemd auf: mein Gang ist ein Spaziergang. Vor mir läuft der Hund über die Straße, eine Hand quer in der Schnauze, die Finger sind mir zugekehrt, sie sehn verbrannt aus. Mit einer Drohung, die nicht mich meint, kreuzen junge Männer meinen Weg. Wo die Straße in die Ebene ausläuft, steht in einer Haltung, als ob sie auf mich gewartet hat, eine Frau. Ich strecke die Arme nach ihr aus, wie lange haben sie keine Frau berührt, und höre eine Männerstimme sagen DIESE FRAU IST DIE FRAU EINES MANNES. Der Ton ist endgültig und ich gehe weiter. Als ich mich umsehe, streckt die Frau die Arme nach mir aus und entblößt ihre Brüste. Auf einem grasüberwachsenen Bahndamm basteln zwei Knaben an einer Kreuzung aus Dampfmaschine und Lokomotive herum, die auf einem abgebrochenen Gleis steht. Ich Europäer sehe mit dem ersten Blick, daß ihre Mühe verloren ist: dieses Fahrzeug wird sich nicht bewegen, aber ich sage es den Kindern nicht, Arbeit ist Hoffnung, und gehe weiter in die Landschaft, die keine andere Arbeit hat als auf das Verschwinden des Menschen zu warten. Ich weiß jetzt meine Bestimmung. Ich werfe meine Kleider ab, auf das Äußere kommt es nicht mehr an. Irgendwann wird DER ANDERE mir entgegen kommen, der Antipode, der Doppelgänger mit meinem Gesicht aus Schnee. Einer von uns wird überleben.

Ausschnitt aus ›Der Auftrag‹ (Der Mann im Fahrstuhl)
aus: Heiner Müller: Revolutionsstücke. (Hrsg.) Uwe Wittstock. Stuttgart, 1988.

Eingereicht von Sascha Scholz

Furche

Friedrich Schiller

›Eil, in die Furche der Zeit, Gedanken und Thaten zu Streun,
Die von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit Blühn.‹


Diese Worte stehen im Garten von Georg Göschen, Schillers Verleger des Don Carlos, auf einem Gedenkstein für Seume, in Grimma.

Eingereicht von Fabian Roschka

Ursprung

Stefan Brotbeck

An der Zeit ist die Erkenntnis für das Andere der Zeit. Das Andere der Zeit meint nicht metaphysische Zeitlosigkeit, sondern den Ursprung der Zeit selbst.

Avenir

Johannes Nilo

Gälte der Blick der unmittelbaren Gegenwart mit ihrer Vielfalt an Formen, wäre die Frage ›wo stehen wir heute?‹ angemessener als die etwas sonderbare Formulierung ›was ist an der Zeit?‹ Oder ›was ist zeitgemäß?‹, ›was ist in?‹, ›was ist modern?‹, die alle nach dem Unmittelbaren fragen, nach dem, was in der Zeit ist. Die Perspektive ist hier offensichtlich eine andere. Die Antwort ist nicht unmittelbar in den Erscheinungen der Gegenwart zu suchen. Nicht der Ist-Stand der Gegenwart gibt uns die Antwort an die Hand. Der Blick gilt vielmehr der Zukunft. Aber auch diese muss genauer angeschaut werden.
Wir können uns eine Zukunft, die eine reine, mechanische Fortsetzung der Vergangenheit, d. h. eine kaschierte Vergangenheit, darstellt, vorstellen. Jacques Derrida macht genau diese Beobachtung einer absehbaren Zukunft und legt eine zweite, man könnte sagen eine ›reine‹ Form von Zukunft frei: ›Ich bevorzuge das Wort ›Avenir‹, das Kommende, die zukünftige Zeit, denn es bezieht sich auf jemanden oder etwas, das kommt und das in seiner Ankunft nicht vorhersehbar ist. Für mich ist das die wahre Zukunft. Das Unvorhersehbare. Das oder der Andere kommt, ohne dass ich es oder ihn erwarte. Wenn es also eine wahre Zukunft jenseits der Zukunft gibt, dann ist es die zukünftige Zeit im Sinne des Kommens des Anderen, und zwar dann, wenn ich es nicht vorhersehen kann.‹
Hervorheben möchte ich die Haltung Derridas dem Kommenden gegenüber; mit dem Anderen rechnen, ohne ihn durch einen analytischen Zugriff bestimmen zu wünschen. Dadurch öffnet sich ein Möglichkeitsraum der Zeit, der die Gegenwart in ein anderes Licht stellt. Ausgehend von dieser Perspektive bekommt die Frage ›wo stehen wir heute?‹ ihren Sinn aus der Frage ›was ist an der Zeit?‹ Die Frage so zu stellen, ermöglicht eine Befreiung der Gegenwart aus dem Bann der Mechanik der unaufhaltsam fort spinnenden, rastlosen Zeit.
Damit ist schon ein weiterer Aspekt der Frage angedeutet, nämlich der aktivistische. Wir haben keinen analytischen Zugriff auf das Kommende, jeder Versuch, etwas zu fixieren, wird deshalb einen synthetischen Charakter tragen. Die Frage ›was ist an der Zeit?‹ fordert eine Entscheidung, was sein soll, eine Setzung, die aus der Gegenwart selbst nicht ableitbar ist.
In diesem Sinne soll die Tagung einen Möglichkeitsraum der Zeit aktivieren, dem Anderen einen Raum geben, auf das Kommende hören und letztlich Initiativen der Einzelnen stimulieren.
Das Schwarze Telefon, welches als Logo für die Tagung dient, drückt die Ambivalenz von Gelassenheit und Aufforderung, von Hellhörigkeit und Initiative aus. Auf das Kommende einerseits hören und andererseits selber etwas In-die-Zeit-Setzen. Wird das Telefon klingeln, d. h. soll ich mich hinsetzen und warten, bis jemand mich anruft oder soll ich anrufen?
Warten oder Initiative ergreifen? Ich glaube beides. Wir haben keine Verfügungsgewalt über die Zeit und doch sind wir deren Initiatoren. Kennen wir die Methode? Wissen wir, wie wir vorgehen sollen? Gibt es ein Telefonbuch, wo wir die Nummer nachschlagen können, wissen wir überhaupt, wen wir anrufen wollen? Mit wem möchte ich sprechen? ‹